Magische Momente. Grosse Emotionen. Superlative. Abstürze. So kennt man das Leben des Diego Armando Maradona, für viele der beste Fussballer aller Zeiten.
Zum Beispiel an der WM 1986 in Mexiko. Maradona degradiert mit dem Ball am Fuss die halbe englische Nationalmannschaft zu Slalomstangen, umkurvt am Ende den Torhüter, schiebt zum 2:0 für Argentinien ein. Und macht damit sein Minuten zuvor erzieltes Hands-Tor, von dem er später behauptet, die Hand Gottes habe eingegriffen, vergessen.
Auf der Bühne zelebriert Schriftsteller und Spoken Word-Künstler Pedro Lenz dieses legendäre Tor so nah wie möglich am Original, indem er den ebenso legendären Live-Kommentar des Sportreporters Victor Hugo Morales nicht bloss zitiert, sondern lebensnah nachinszeniert: «Genio, genio, genio … ta, ta, ta … Gooooooool.»
Maradona als Ich-Erzähler
In «Mit linggs» erzählt Maradona sein Leben selbst, auf Berndeutsch und in den Worten von Pedro Lenz. Seine Kindheit im Armenviertel von Buenos Aires, wo das Kerzenlicht im Durchzug der Billighäuser zwar stärker flackert als bei den Reichen, aber «wäge däm hei die arme Lüt natürlich ou meh Liecht im Härz». Maradonas emotionale Nähe zu den Armen betont Lenz mehrfach.
Dann der Weg zum Fussballprofi im Argentinien der Militärdiktatur. Die Erkenntnis, angesichts des Mordens und Folterns im Land versagt zu haben: «I mues es leider sääge, mir hei i dene schlimme Joor eifach gschuttet und gschwige.»
Barcelona flop – Neapel top
Schliesslich der grosse Sprung nach Europa zum F. C. Barcelona, wo der Zauberjunge entzaubert wurde und von wo er das Kokain in sein weiteres Leben mitnahm.
Er sei aber nicht wegen, sondern trotz Kokain der beste Spieler der Welt gewesen, lässt ihn Lenz lamentieren: «I bi nid e Doper gsi, i bi ke Betrüeger gsi, e Drögeler bin i gsi, das isch nid ds Gliiche.» Aber wenn der Drögeler Maradona heisse, dann helfe man ihm nicht, sondern dann werde er vernichtet.
Trotzdem sollte seine Glanzzeit erst noch kommen, in Neapel, dessen Fussballclub er zum ersten Meistertitel überhaupt führte und damit die ganze Stadt verrückt machte. Dann die späten Jahre des körperlichen Zerfalls und der frühe, einsame Tod mit Sechzig, auf den er konsequenterweise aus dem Jenseits blickt.
Diego erklärt sich, Diego verteidigt sich. Hier spricht ein Melancholiker zwischen Grössenwahn und Selbstlosigkeit, ein ballverliebter Junge, der nur äusserlich erwachsen geworden ist und sich nicht gegen die allgegenwärtigen Zudringlichkeiten wehren kann. So könnte es in Maradona ausgesehen haben, so möchte man ihn gerne in Erinnerung behalten.
Fussball als Kunstgattung
Aber Lenz geht es nicht nur um die Person Maradonas, sondern darum, den Fussball erzählbar zu machen. Dafür zieht er alle Register seines bekannten, über Jahre auf der Bühne entwickelten Erzählstils. Etwa die durch Wiederholungen und Reihungen rhythmisierte, hypnotisierende Sprache. Oder die emotionale Nähe, die er durch raffiniert komponierte Mündlichkeit erreicht.
Denn der Fussball sei, wie Lenz im Nachwort festhält, in den besten Momenten nicht nur ein Sport, sondern eine Kunstgattung. Am Leben Maradonas lässt sich das bestens zeigen, scheint es doch in seiner Aufstiegs- und Fall-Dramatik einer griechischen Tragödie entnommen.