Flucht in die Öffentlichkeit: Martin Walsers neue Tagebücher

Martin Walser veröffentlicht den vierten Band seiner Tagebücher. Die 700 Seiten umfassen die Lebensjahre von 1979 bis 1981. Martin Walser ist da Anfang 50 und gibt Einblick, wie er als bereits arrivierter Schriftsteller mit Erfolg und Zweifel umgeht.

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Bildlegende: Martin Walser am Bodensee – die Gegend, die er liebt wie keine zweite. Keystone

Viele kommen vor in diesen Aufzeichnungen, aber keiner muss sie fürchten. Personal und Ereignisse der Zeit sind gegenwärtig, doch wirklich böse ist der Ton des Umgangs selten, wenn Martin Walser seine Gedanken notiert. Es sind die Jahre seiner grössten Erfolge: «Ein fliehendes Pferd», «Seelenarbeit», «Das Schwanenhaus», das sind Bestseller allesamt, die auch bei der Kritik anerkannt sind.

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Buchhinweis

Martin Walser: «Leben und Schreiben. Tagebücher 1979-1981», Rowohlt Verlag 2014

Auch wichtige Literaturpreise erhält Walser in diesen Jahren: den Schillerpreis und den Georg-Bücher-Preis, 1981. Er ist prominent, ein Star fast, gesellschaftlich anerkannt und gesellschaftlich wirksam. Ist das Anlass zur Zufriedenheit? Nein, erstaunlicherweise.

Mangel im Wohlstand

Walsers Tagebücher sind auch Registraturen. Penibel wird vermerkt, wo seine Bücher ausliegen, welche Kritiken wo erscheinen, welche Position auf den Verkaufs-Listen erreicht oder nicht erreicht ist. Auflage und Absatz, Geld ist ein Thema. Es herrscht Mangel, seltsam, Mangel im Wohlstand, denn auch der hat sich inzwischen eingestellt. Es hat gereicht für Haus und Garten, am Bodensee, Walsers Geburts- und Ideallandschaft.

Unzufriedenheit stattdessen und Zweifel überall – und sie haben einen Adressaten: Siegfried Unseld, Leiter des Suhrkamp Verlages und Walsers Verleger. Der «Untergang des Hauses Suhrkamp» gilt diesen Notaten als gewiss. Denn der Verleger kümmere sich nicht um seine Autoren, sondern um seine missratenen Familienverhältnisse, seine Liebschaften und andere Nebensachen. Ranküne spricht daraus und die Egozentrik des Künstlers, die diese Tagebücher noch häufig offenbaren.

Alliancen und Messalliancen

Was noch? Strategien im Literaturkampf, Gerangel in eigener Sache. Kämpfe hinter den Kulissen der Feuilletons, Alliancen und Messalliancen mit Joachim Kaiser, Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, wenn es, wie immer, um die besten Plätze geht im Rampenlicht der Kultur. Konkurrenz, die bis ins Private reicht und die eigenen Körperleistungen im Wasser und zu Lande nach Messergebnissen wertet: «Zwanzig Liegestützen.» Kränkungen bleiben nicht aus, zudem viel Selbstzweifel. Zweifel, die Walser immer wieder anspricht. Ekel fast vor einem Literaturbetrieb, dem der Autor doch selbst angehört. Öffentlichkeit als Flucht und Fluch. Das ist Walsers grosser Zwiespalt.

Wo die Igel knabbern

«Ich komme mir unpassend vor und besiegt», schreibt er aus Anlass einer Party zu Jürgen Habermas 50. Geburtstag im Juni 1979. Der Philosoph hatte ihm vorgeworfen, mit dem Text «Händedruck mit Gespenstern» einen nationalistischen Aufsatz verfasst zu haben. Es isoliert Walser tatsächlich, dass er die deutsche Teilung nicht akzeptieren will. Andere im intellektuellen Milieu der Bonner Republik haben das Thema längst abgeschlossen. Das schmerzt, denn Walser will nicht nur Recht bekommen, sondern auch geliebt werden. Aussichtslos ist das und bleibt doch seine Passion.

Scharfe Kontraste

Eben noch ein Besuch in der neuen Villa von FAZ Herausgeber Joachim Fest («alte Meister an den Wänden»), dann das elende Sterben an Lungenkrebs des Kollegen Nicolas Born. Und schliesslich so ein Satz: «Nachts hört man, wenn man auf die Strasse geht, links und rechts die Igel knabbern.»

Werkstattberichte gibt es auch: Entwürfe, Einfälle zu Büchern, die nie geschrieben werden und Gedichte, die ansatzlos zwischen den Zeilen stehen. Eine Einladung führt ins Kanzleramt, eine andere in die Villa Hammerschmidt zum Bundespräsidenten, Lesereisen in die DDR und eine Gastdozentur in die USA. Viel Raum bleibt für die Familie, Ehefrau Käthe und die vier Töchter, die alle in künstlerischen Berufen tätig sind. Johanna meint, der Vater habe seine Töchter im Werk bösartig dargestellt. Tochter Alissa fragt ihn, ob er Freundinnen habe: «Jetzt will sie Namen.» Namen werden nicht genannt.