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Legende: Audio Buchbesprechung: Margaret Atwoods «Die Zeuginnen» abspielen. Laufzeit 04:02 Minuten.
Aus Kultur-Aktualität vom 10.09.2019.
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Fortsetzung «Handmaid’s Tale» Mit Pannen und Trompeten – Margaret Atwoods «Zeuginnen» sind da

Bis zur weltweiten Buchpremiere hätte die Fortsetzung des Erfolgsromans «Der Report der Magd» hoch geheim bleiben müssen. Das hat nicht ganz geklappt.

Es war das best gehütete Geheimnis der literarischen Saison – und wurde mit einem Pomp gelüftet wie seinerzeit ein neuer «Harry Potter»: Lesung um Mitternacht in einer Londoner Buchhandlung, Fragestunde mit Direktübertragung in mehr als tausend Kinos weltweit.

Legende: Video Margaret Atwood liest aus «The Testaments» abspielen. Laufzeit 00:48 Minuten.
Aus Kultur vom 10.09.2019.

Zuvor gab es strengste Geheimhaltungsauflagen für Buchhandel und Presse. Abstruse Gerüchte. Atwoods Verlag soll Datenklau durch Konkurrenten befürchtet haben. Und deshalb Druckexemplare mit falschem Namen und Titel verschickt haben.

Doch dann trat Amazon in Aktion. 800 seiner Kundinnen und Kunden bekamen «Die Zeuginnen» eine lockere Woche vor Ende der Sperrfrist (Kritiker haben das Buch teils bis heute nicht). Der Buchhandel schäumte – zu Recht.

Verhaltene Kritiken

Das grosse Sperrfristbrechen folgte: Die «New York Times» machte den Anfang – eine Hymne. Es gab aber auch ein paar vorsichtig kritische Besprechungen. Denn leider ist «The Testaments» kein sonderlich gutes Buch. Auch wenn sich Margaret Atwood mit der Fortsetzung zum «Report der Magd» von 1985 ihren Stoff zurückerobern wollte.

Eine Serie hatte den Stoff populär gemacht. Die erste Staffel von «The Handmaid’s Tale» lief kurz nach Donald Trumps Wahl und traf den Nerv der Zeit. Eine religiöse Diktatur auf dem Boden der USA.

Frauen, «Mägde», als Gebärmaschinen. Fundamentalismus, Klimawandel, Sexismus, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit. Auf Anti-Trump-Demos sah man Schilder mit der Aufschrift: «Make Margaret Atwood Fiction Again».

Sendehinweis

«The Handmaid's Tale» läuft ab dem 30. Oktober 2019 um 23 Uhr auf SRF 1. Mehr Infos zur Serie, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Auch «Die Zeuginnen» spielt in der Diktatur Gilead. Aber Desfred, die Erzählerin des «Reports der Magd», kommt kaum noch vor. Nun berichten ihre beiden Töchter, die nichts voneinander, auch nichts von ihrer eigenen Herkunft wissen. Und eine hohe Funktionärin.

Vor dem Putsch war Lydia eine linksintellektuelle Familienrichterin. Dann wurde sie verhaftet, gefoltert, umgedreht. Sie stieg zu einer der übelsten Quälerinnen Gileads auf. Nun bröckelt das Regime. Die Menschen fangen an, sich Fragen zu stellen.

Gefährlicher Selbsthass

Lydia ist mittlerweile Doppelagentin. Sie arbeitet auch für Kanada, das versucht, Menschen aus Gilead hinauszuschmuggeln. Aber ihr ist nicht zu trauen. Ihr Selbsthass macht sie gefährlich.

«Die Zeuginnen» ist ein Pageturner mit vielen Cliffhangern. Das tut dem Buch nicht gut. Denn für einen Thriller sind die Plots zu simpel gestrickt. Und die Cliffhanger gehen auf Kosten der Atmosphäre.

Gruseliges Märchen

Margaret Atwood begann den «Report der Magd» 1984 in Westberlin. Sie recherchierte viel im Osten, sog die klaustrophobische Atmosphäre dort in sich auf. Das ergab ein düsteres, auswegloses, aber sehr realistisches Buch.

Dagegen kommt die späte Fortsetzung wie ein gruseliges Märchen daher, in dem am Schluss alles doch noch gut wird. Das ist eine Altersmilde, die nicht so recht zu dieser scharfsinnigen und scharfzüngigen Autorin passt.

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