«Fred und Franz» von Arno Camenisch: Mehr Theaterstück als Roman

Fred und Franz, die beiden Hauptfiguren des gleichnamigen neuen Buchs von Arno Camenisch, sind «best friends»: Sie kennen sich in- und auswendig und überwerfen sich nie ernsthaft. So wie bei Winnetou und Old Shatterhand oder bei Asterix und Obelix – und trotzdem ganz anders.

Portrtätbild von Arno Caminsch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit seinen 35 Jahren bereits hoch dekoriert: Der Bündner Autor Arno Camenisch. Keystone

Fred und Franz können sich gegenseitig nichts vormachen, sie haben keine Geheimnisse voreinander und zwischen ihnen gibt es nie ein ernsthaftes Zerwürfnis. Comicfiguren sind die beiden aber ebenso wenig wie Westernhelden: Fred und Franz sind zwei Bündner Oberländer aus der Surselva, so wie ihr Autor auch.

Sex oder Liebe?

In seinem neuen Buch treffen wir die beiden in 24 kurzen Szenen: «In der Bar», «Beim Holzhacken hinter dem Haus», «Auf der Jagd» oder «Auf der Baustelle». Dazu saufen sie ständig Bier und Schnaps und rauchen. Ein hemdsärmliges, bodenständiges Setting also. Und jede Szenerie, die jeweils Kapitelüberschrift ist, spiegelt auch die Befindlichkeit der zwei Mannen, die Themen, die sie verhandeln – meistens Frauengeschichten.

Fred trauert seiner grossen Liebe Maria nach, erzählt immer wieder von den gemeinsamen Ferien, versucht immer wieder, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Franz dagegen berichtet praktisch in jeder Szene von einer anderen Liebschaft. Wird hier ein Spannungsfeld zwischen dauerhafter Liebesbeziehung und Sexabenteuern eröffnet? Wird man am Ende in einer Männerfreundschaft glücklicher als durch die Liebe zu einer Frau?

Schwadronieren und philosophieren

Sowohl um die Fragen wie auch um die Antworten muss sich der Leser selber bemühen. Denn Camenisch bleibt im Trüben seiner beiden Figuren. Er ist nur ihr Seismograph, Protokollant dessen, was ihnen widerfährt. Ist Franz wirklich ein Frauenheld oder einfach ein guter Erzähler? Wir wissen es ebenso wenig wie Fred, der Franz nie kritisch hinterfragt.

Immerhin: Am Ende scheint Fred von seiner Verflossenen loszukommen und bändelt mit einer anderen Frau an. Vielleicht ist dies der Kern der Geschichte: Dass die beiden 80 Seiten lang schwadronieren und philosophieren, um am Ende einen winzig kleinen Schritt weitergekommen zu sein?

Allgegenwärtige Situationskomik

«Fred und Franz» neigt mehr dem Theaterstück zu als dem Roman. Die Szenen leben von der Subjektivität der Dialoge. Die «Welt» taucht nur schemenhaft um die beiden herum auf – ein Mann mit Schaufel auf der Schulter geht vorbei, ein Anhänger wird mit Zementsäcken beladen.

Fast wie zwei richtige Helden bewältigen sie auch Gefahren: Eine rasende Autofahrt über verregnete Bergsträsschen endet mit einer überfahrenen Kuh und einem Schwartenriss an Franzens Hinterkopf. Im Winter, beim Skifahren, werden sie am Abend auf dem Sessellift vergessen, hängen dort und erfrieren fast, während sie auf Freds Geburtstag anstossen, mit Schnaps aus dem Flachmann. Und stetig läuft der Fluss ihrer Gespräche.

Das ist abwechslungsreich und vergnüglich zu lesen, besonders der speziellen Mischsprache wegen, die Camenisch schon in seiner Bündner Trilogie «Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof» und «Ustrinkata» pflegte. Die knappe, einfache Schriftsprache spickt Camenisch mit Dialektwörtern und mit Bündner Ausspracheeigenheiten: «Hat Maria aufgemacht, fragt der Franz: Jo kasch tenka, sagt der Fred, bei dem Penalti, den ich beieinander hatte.» Diese Sprache erzeugt eine wunderbare Direktheit, bringt die zwei Helden dem Leser ganz nah. Die Situationskomik ist allgegenwärtig.

Hoch dekorierter Jungautor

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Buchhinweis

Arno Camenisch: «Fred und Franz.» Engeler-Verlag, 2013.

Die literarischen Qualitäten von Camenisch haben sich herumgesprochen. Mit seinen 35 Jahren ist er bereits hoch dekoriert. Für «Ustrinkata» erhielt er 2012 den Schweizerischen Literaturpreis, für die gesamte «Bündner Trilogie» wurde er soeben mit dem renommierten Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet.

Es handle sich um «Hochliteratur» in doppeltem Sinne, schreibt die Jury, nämlich um Literatur aus dem Hochgebirge, aber auch um Literatur mit höchsten Ansprüchen: «Jenseits der sprachästhetischen Grenzgänge aber ist es manch kabarettistisches Kabinettstück, sind es surreale Schwebezustände und eigenwillige Landschaftsbilder, die diese Prosa anspruchsvoll prägen.» Camenischs Neuling «Fred und Franz» fügt sich nahtlos in diese Einschätzung und in die Reihe der «Bündner Bergdialoge» ein.

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