Was wäre, wenn der Himmel plötzlich nicht mehr blau wäre? Genau das beschliessen die Regierungen in Magdalena Schrefels Roman «Das Blaue vom Himmel»: Um die Erde abzukühlen, sollen Schwefel- und Kalkpartikel in die Stratosphäre eingebracht werden. Die Massnahme könnte die Temperaturen senken – doch sie würde den Himmel in ein milchiges, farbloses Grau verwandeln. Hannah bleiben noch sechs Monate Zeit, Erinnerungen an die Farbe Blau zu sammeln.
Keine reine Science-Fiction
Der Roman spielt in einer nahen Zukunft. Die darin beschriebene Massnahme basiert allerdings auf realen Forschungen. Geoengineering nennt sich dieses Gebiet und meint einen technischen Eingriff in den Kreislauf der Erde – mit dem Ziel die Klimaerwärmung abzubremsen.
Mit Technologie etwas zu lösen, was durch menschliche Technologie erst in Gang gesetzt wurde, beschreibt Autorin Magdalena Schrefel als Hybris des Menschen. Denn Geoengineering sei letztendlich nur Symptombekämpfung.
Der Alltag der Menschen bleibt
Im Zentrum von Schrefels Roman steht Hannahs Versuch, das Blaue des Himmels festzuhalten, bevor es durch die Massnahme verloren geht. Dazu spricht sie mit unterschiedlichen Menschen über deren Erinnerungen und Assoziationen mit der Farbe Blau. Sie muss jedoch bald feststellen, dass sie vor einer schier unendlichen Aufgabe steht. Es gibt so viele Himmel, wie es Menschen gibt, die ihn betrachten.
Das Gelungene an Schrefels Roman ist dabei, dass nicht die Geoengineering-Massnahme im Fokus steht, sondern die Menschen, die künftig damit leben müssen. Diese Gewichtung entspricht Schrefels eigener Wahrnehmung des Klimawandels: «Er ist da, wir denken darüber nach, wir nehmen ihn wahr und dann muss man halt eine Einkaufsliste schreiben oder das Kind von der Kita abholen.»
Hannahs Reise ins Blaue führt sie auch zurück in die eigene Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrer Schwester erinnert sie sich an Episoden aus ihrer Kindheit und an die Macken des alleinerziehenden Vaters. Er war als Student Klimaaktivist und gehört zu einer Generation, die mit ihren Klimaforderungen gescheitert ist, sodass die nächste Generation nun zu radikaleren Massnahmen greifen muss.
Was macht der Klimawandel mit unserer Psyche?
Im Roman betrachtet Hannah den Himmel mit Wissen um den nahenden Verlust. Sie betrachtet ihn mit Bewunderung und mit Melancholie – und will ihn archivieren. Doch wie die Menschen befindet sich der Himmel in stetigem Wandel. Die Wolken türmen sich auf oder zerreissen, die Farbe kann sich vom einen Augenblick zum nächsten um Nuancen verändern.
Das Blaue vom Himmel ist eine Konstante, die alle Menschen durch alle Zeiten an allen Orten dieser Welt miteinander verbindet.
Trotz dieser Vielfalt, kann der Himmel auch verbinden, wie Schrefel erklärt: «Das Blaue vom Himmel ist eine Konstante, die alle Menschen durch alle Zeiten an allen Orten dieser Welt miteinander verbindet.» Ist die Menschheit bereit, diese Konstante aufzugeben, um die Erde abzukühlen?
Mit viel Fingerspitzengefühl und ohne den mahnenden Zeigefinger zu erheben, gelingt es Schrefel im Roman, Gedanken anzustossen und aufzuzeigen, wie sich der Klimawandel in der Psyche der Menschen niederschlagen kann.