Gespielte Liebe ist besser als keine

Larissa Boehning beschreibt im Roman «Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr», wozu Menschen fähig sind: wenn es ums Geld geht, und worauf sie sich für ein bisschen Liebe einlassen. Es geht auch um Wahrheit in der Lüge. Und ob wir die Realität kennen möchten, wenn die Lüge doch viel schöner ist.

Ein Paar sitzt in einem Boot. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Liebe schlägt Wellen: Hochstapler Matthias spielt mit den Gefühlen einer jungen Frau, und denen einen älteren Dame. Keystone

Matthias kennt alle Tricks und kriegt immer, was er will. Er spielt mit den Gefühlen von Frauen, wickelt sie um den Finger und erzählt ihnen genau das, was sie hören wollen.

«Du bist eine wunderschöne Frau», sagt er der einen. Oder: «Du bist so lebensklug», wenn eine mehr Wert auf ihren Geist als ihren Körper legt. Hat er sie dann im Bett, haut er am nächsten Morgen wieder ab. Meistens auf Nimmerwiedersehen.

Auch bei Juliane, seiner hübschen Nachbarin, meldet sich Matthias nach der ersten gemeinsamen Nacht zwei Wochen lang nicht mehr, reagiert auf keine SMS und auf keine Mailbox-Nachrichten. Dann erzählt er ihr von seiner kranken Mutter, die er betreuen müsse. Deshalb habe er zu wenig Zeit für weitere Treffen.

Hoffnung und Geldgier als Antrieb

In Wirklichkeit hat Matthias keine Zeit, weil er bereits ein neues Opfer gefunden hat: Annemarie, eine reiche alte Frau. Sie ist schwerkrank und hat nur noch wenig Zeit zu leben. Von ihr will Matthias keinen Sex, er ist scharf auf ihr Geld.

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Buchhinweis

Larissa Boehning: «Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr». Galiani, 2014.

Matthias hat aber auch seine liebenswerten und charmanten Seiten. Fürsorglich kümmert er sich um die einsame Seniorin, als wäre er ihr Sohn. Sie wiederum schenkt ihm ihr teures Auto. Er zieht in ihre, mit Puppen vollgestopfte, Villa ein. Annemarie ist glücklich und blüht nochmals auf, was für Matthias zum Problem wird.

Die Kunst der Hochstapelei

Das Faszinierende an der Hochstapelei ist die Aufhebung der Objektivität. Der Hochstapler inszeniert und manipuliert, spielt etwas vor, was er nicht ist. Und er glaubt selber daran. Es gibt den charmanten Schlawiner, der andere Menschen verführt und es gibt den hinterlistigen Täter, der sein Opfer für seine Zwecke missbraucht. Je erfolgreicher er ist, desto eher verliert der Hochstapler den Bezug zur Realität. Er hat den Drang, andere zu überbieten und wird mit der Zeit grössenwahnsinnig.

Larissa Boehning zeigt in ihrem sehr empfehlenswerten Roman, dass der Hochstapler nicht nur ein böser Mensch ist. Weil er in seiner Kindheit oft gekränkt und verletzt wurde, sucht ihre Hauptfigur Bestätigung und Anerkennung. Und daraus entwickelt sich möglicherweise sein grosser Geltungsdrang.

Gespielte Liebe ist besser als keine Liebe

Zwischendurch rätselt man, ob die alte Frau den jungen Hochstapler vielleicht sogar durchschaut. Ob sie sich einfach das nimmt, was er ihr bietet: Liebe. Auch wenn sie nur gespielt ist. Vielleicht lässt sie sich ja einfach ihr Lebensende verschönern und bezahlt dafür mit ihrem Geld. Sie kann es sowieso nicht in den Tod mitnehmen.

Schon der Buchtitel zeigt: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiss im Roman «Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr». Wahrheit und Lüge sind nicht so leicht auseinanderzuhalten. Das macht die Geschichte spannend, bis zum Schluss. Larissa Boehning hat viel Empathie für ihre Figuren und es ist psychologisch interessant, was abgeht in diesem Dreieck zwischen dem Hochstapler, der alten Frau und der jungen Nachbarin, die alles aus ihrer Perspektive schildert.

Nichts als die Wahrheit?

Boehnings Geschichte basiert auf einer wahren Geschichte. Vor Jahren lernte die heute 43-jährige deutsche Autorin eine ältere Frau kennen, die ihr ihre Geschichte anvertraute, mit der Bitte, daraus einen Roman zu schreiben. Sie hätte ihn «Dosierte Liebe» nennen wollen.

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