Gleichstellung im Hörspiel: mehr Frauen, weniger Stimmklischees

Wie steht es um die Gleichstellung der Geschlechter im Hörspiel? In einem Wort: schlecht. Ähnlich wie in Filmen sind Frauen in Hörspielen untervertreten. Nebst mehr weiblicher Präsenz fordern Hörspiel-Regisseure vermehrt auch nach Stimmen, die nicht nach Geschlechter-Klischee tönen.

Eine farbig gekleidete Frau in der Ecke eines komplett in weiss gehaltenen Raumes, umringt von weissen Mikrofonen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Test aus der Filmbranche zeigt: Geschlechterklischees und mangelnde Frauenpräsenz gibt es auch im Hörspiel. Getty Images

Gender! Viele verdrehen die Augen bei dem Begriff. Nicht schon wieder. Und als die Schauspielerin Emma Watson jüngst ihre Rede zu «gender equality» hielt, überschwemmte die Aufzeichnung derselben die Plattformen der sozialen Medien. Mir gefiel mir vor allem der Satz: «Es ist nicht das Wort, das wichtig ist, es ist die Idee dahinter.»

Klingt simpel, ist schwierig

Die Idee geht nicht von einer Umkehrung bestehender Geschlechterverhältnisse aus, sondern meint die Gleichstellung von Mann und Frau: meint gleiche Bezahlung, meint gleiche Bildungschancen, die Dekonstruktion sozialer Zuschreibungen, die Unterbrechung von Rezitationen.

Klingt simpel, ist schwierig – vor allem, da sich ungleiche Machtstrukturen in jede Zelle der Gesellschaft fressen und selbst das Diskutieren über diese Machtstrukturen eine Rezitation nach sich zieht. Und wie ist es im Hörspiel? Hat der so genannte «Gender Gap» auch dieses Genre erreicht? Studien dazu gibt es nicht. Überlegungen schon.

Der Test für weibliche Präsenz

In der Medienwelt ist der so genannte Bechdel-Test (auch «Mo Movie Measure») bekannt. 1985 liess die Karikaturistin Alison Bechdel einen ihrer Comiccharaktere folgende Bedingungen stellen: «Ich gehe nur mit dir in einen Film, wenn er drei Kriterien erfüllt: 1. Es müssen zumindest zwei Frauen darin vorkommen, die Namen haben. 2. Sie müssen miteinander sprechen. 3. Sie müssen miteinander über etwas Anderes sprechen als einen Mann.»

Der Bechdel-Test setzt sich also mit weiblicher Präsenz in Filmen auseinander. Er wird heiss diskutiert, fallen doch Kassenschlager wie «Avatar», «Herr der Ringe» Teil 1-3 oder «Forrest Gump» durch. In einigen schwedischen Kinos gibt es unterdessen ein Bechdel-Rating, das dem Publikum anzeigen soll, welcher Film den Test besteht.

Das Hörspiel lebt von der Stimme

Wendet man den Bechdel-Test auf das Hörspiel an, ist das Ergebnis ähnlich wie im Filmbereich: Praktisch alle deutschsprachigen Gewinner zwischen 2005 und 2012 des Prix Europa (einem europaweiten Wettbewerb für Fernseh-, Hörfunk- und Online-Produktionen) bestehen den Test nicht. Und auch die Hälfte meiner eigenen Hörspiele und Features fällt durch.

Was dem Film oft vorgeworfen wird – übersexualisierte Bilder und das Einsetzen von schönen Frauen, die wenig zu sagen haben und lediglich über ihre Körperlichkeit glänzen sollen – kann man auf das Hörspiel nicht direkt anwenden. Das Hörspiel lebt von der Stimme, und sollte von der Stimmenvielfalt leben. «Rede, damit ich dich sehe», sagte bekanntlich Sokrates. Im stimmlichen Habitus verbirgt sich eine Welt, die sehend macht – daher wird das Hörspiel auch nicht ungern als das Kino im Kopf beschrieben.

Gegen Stereotypen

Die deutsche Regisseurin Alice Elstner verweist in ihrem Buch «der Einsatz der Stimme im Hörspiel» darauf, dass «nicht zuletzt seit der stereotypen Besetzung der Synchronsprecher-Stimmen im Tonfilm und der Werbung Stimmklischees erzeugt und fortgeschrieben wurden».

Häufig würden Originalstimmen in ihrer geschlechtlichen Zuordnung changieren. In der Besetzung von Synchronstimmen achte man darauf, dass die geschlechtliche Zuordnung «vereindeutigt» werde, indem die Synchronisation mit deutlich «männlich» oder «weiblich» konnotierten Stimmen arbeite. Auch der Klang einer Stimme habe einen Körper und lasse die Zuhörenden von Bekanntem auf Unbekanntes schliessen.

Das Geschlecht ist zwischen den Ohren

Was das zeitgenössische Hörspiel braucht, um mit Alice Elstner zu sprechen, ist ein Arbeiten gegen gängige Stimmklischees, den Mut zur Gegenbesetzung. Und mehr weibliche Präsenz, also zwei Frauen mit Namen, die über etwas Anderes sprechen, als einen Mann. Klingt wieder simpel, ist wieder schwierig. Denn, um Chaz Bonos, den transsexuellen Sohn von Cher, zu zitieren: «Gender is between your ears, not between your legs.»

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