High sein, frei sein, Terror muss dabei sein?

Was kann ein Roman zur Erkenntnis der aktuellen Gegenwart beitragen? Der französische Schriftsteller und Arabist Mathias Énard wollte es wissen: Sein neuer Roman «Strasse der Diebe» spielt in den Jahren 2007 bis 2012, sein Held ist ein junger Araber von 21 Jahren.

Ein junger, nordafrikanisch aussehender Mann in einem orangen T-Shirt steht in der U-Bahn, blickt durch das Fenster der geschlossenen Türen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Hauptfigur in Énards neuem Roman verschlägt es von Marokko als Illegalen nach Barcelona. Hanser

Lakhdar ist 21, sitzt im Gefängnis von Barcelona und hält Rückschau. Wir erleben, wie er als 16-Jähriger mit seinem Kumpel Bassam durch seine Heimatstadt Tanger streift, um halbnackte Touristinnen zu beglotzen. Tagelang liegen die beiden auf einem Felsen und blicken sehnsüchtig über die Meerenge von Gibraltar nach Europa.

Endstation Barcelona

Porträtbild von Mathias Énard, er trägt ein graues dunkelgraues Hemd und ein schwazes Sacko. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der französische Schriftsteller und Arabist Mathias Énard am Salon du livre in Paris, 2010. Wikimedia / Georges Seguin

Mit 18 erwischt ihn sein Vater, ein einfacher, gläubiger Moslem, mit seiner Cousine Meryem, nackt. Die Familie ist entsetzt, und Lakhdar schämt sich so, dass er sich nicht mehr nach Hause traut. Als Obdachloser irrt er durch Marokko und findet schliesslich bei einer Islamistengruppe eine Stelle als Buchhändler und ein neues Zuhause.

Der arabische Frühling kommt. Die Islamistengruppe sendet Schlägertrupps aus. Bassam ist beim Prügeln eifrig dabei. Lakhdar, halb willig, halb widerwillig, ist nur einmal dabei – allerdings ausgerechnet dann, als der alte Buchhändler, zu dem er ein väterliches Verhältnis hat, halbtot geschlagen wird.

Arabischer Jedermann

Später freundet sich Lakhdar mit einer Arabischstudentin aus Barcelona an und arbeitet bei einem makabren Bestattungsinstitut für Leichen von Menschen, die auf der Flucht übers Mittelmeer den Tod gefunden haben. Schliesslich landet er als Illegaler in Barcelona und – begeht einen Mord.

Mathias Énard arbeitet mit Krimi-Elementen, will aber nicht nur Spannung erzeugen. Schliesslich hat er Arabisch und Persisch studiert, lange in arabischen Ländern gelebt und unterrichtet heute Arabisch in Barcelona. Sein Lakhdar, der sich zuerst nur für Krimis und später für die ganze arabische Literatur begeistert, ist zwar einerseits ein Sonderling, andererseits aber auch ein junger arabischer Jedermann: Als Jugendlicher, eingezwängt zwischen Vater und Gott, will er vor allem frei sein. Ihm ist nicht klar, ob er zu seinem «high Sein» mehr braucht als nur zu kiffen. Soll er beim arabischen Frühling mitwirken? Oder beim Terrorismus der Islamisten? Bei der Revolte der spanischen Indignados? Lakhdar kann sich lange nicht entscheiden. Langsam nur entwickelt er ein Verhältnis zur Wirklichkeit und lernt zu handeln. Énard hat auch einen Entwicklungsroman geschrieben.

Die Fremde bringt die eigene Geschichte näher

Im Freundeskreis von Lakhdar gibt es noch zwei weitere Typen von jungen Arabern: Bassam, den «Islamisten», der aber widersprüchlich bleibt – sein Hass auf die westliche Welt und seine Leidenschaft für den Islam sind «sehr relativ» – und Mounir, den klarsichtigen Aktivisten, der von der Revolte enttäuscht ist und Kleinkrimineller wird.

Auch im Liebesverhältnis zwischen Lakhdar und der Arabischstudentin aus Barcelona gestaltet Énard historische Verhältnisse und komplizierte Identitäten: Es ist die Fremde aus Barcelona, die dem Eingeborenen aus Tanger die Geschichte seiner Stadt erzählt und ihn mit den grossen Autoren seiner Tradition vertraut macht. Ich «fühlte mich dank Judit sehr arabisch», sagt Lakhdar. Er erfährt, dass die Schätze der arabischen Kultur heute eher im Ausland, in den nichtarabischen Ländern, gepflegt werden.

Prostitution vor der Moschee

Wie schon in «Zone», dem Roman, der den Autor 2010 im deutschsprachigen Raum bekannt machte, erzählt Énard auch in «Strasse der Diebe» auf der Folie eines Klassikers: Lakdhars Reise über die Meerenge von Gibraltar wird kontrastiert mit der Weltreise von Ibna Battuta, der im 14. Jahrhundert von Tanger aufbrach und knapp 50 Jahre lang unterwegs war: von Westafrika bis Peking, vom südlichen Kenia bis zur oberen Wolga.

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Buchhinweis

Mathias Énard: «Strasse der Diebe», Hanser Berlin 2013.

Verglichen mit seinem grossen Vorgänger kommt Lakhdar also nicht weit. Er landet im hervorragend beschriebenen Ganovenmilieu von Barcelona. Wie dort die Nutten direkt vor der Moschee ihre Kunden aus der Schar der Gläubigen fischen, das gehört zu den köstlichen Seiten dieses Romans. Die ernstere Seite ist: Mit Énard sehen und verstehen wir Menschen, die in Aufruhr und Krise ihren Weg suchen. Nicht nur die arabische Welt, auch Spanien, auch Europa brennt.

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