«Human Resources» oder wie man Hörspielfiguren zum Leben erweckt

Wie können auf dem Papier entworfene Figuren mit Leben gefüllt werden? Das zeigt Hörspielregisseurin Susanne Heising am Beispiel der englischen Serie «HR». BBC strahlte dieses Jahr die 4. Staffel aus, nun ist die Serie in der Schweiz in einer deutschen Fassung zu hören.

Blick durch die Tür ins Hörspielstudio auf Oliver Sauer und Till Kretzschmar mit Manuskript in der Hand vor dem Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Oliver Sauer (als «Sam», links) und Till Kretzschmar (als «Peter») bei der Aufzeichnung des Hörpiels «HR». SRF

Hauptpersonen der BBC-Serie «HR – Human Resources» sind Peter und Sam. Die zwei ungleichen Mittfünfziger sind drauf und dran ihren Job zu verlieren – nach allerlei Missgeschicken und im Zuge diverser firmeninterner Umstrukturierungsprozesse.

So in etwa lautet die Information der BBC zur Comedy-Serie von Nigel Williams. Noch kein Wort davon, dass sich dahinter die Geschichte und Freundschaft zweier völlig verschiedener Männer verbirgt. Mit ihren grotesken Erlebnissen und schlagfertigen Dialogen bieten sie erfolgreichste Radio-Comedy in bester britischer Manier.

Den Text mit Leben und Tiefe füllen

Es ist beim Theater wie beim Hörspiel durchaus üblich, dass man sich mit den Schauspielern über den Charakter und die Biographie der Figuren verständigt. Man erfindet für diese Figuren ein Leben, gibt ihnen eine Vergangenheit, Erlebnisse und Bezugspersonen.

Beim Erfinden geht man mehr oder weniger realistisch vor. Idee und Zweck sind immer dieselben: den papiernen Text mit Leben und Tiefe zu füllen. Normalerweise baut und bespricht man solche Biographien bei den ersten Proben – oft nebenbei, beim ersten Kennenlernen, beim Kaffee oder in der Zigarettenpause.

Das tönt dann in etwa so: Sam liest und malt oder schaut sich anspruchsvolle Literaturverfilmungen an, über die er gerne mit jemandem diskutiert. Sam mag seinen Arbeitskollegen Peter, der früher ein Frauenheld war und dessen Privatleben gerade zusammenbricht. Beide tragen sie bei der Arbeit eine Maske, um nicht als jene erkannt zu werden, die sie sind.

Nigel Williams: der grosse Unbekannte

Wenn man heute Nigel Williams, den Autor des BBC-Hörspiels googelt, bekommt man im Grossen und Ganzen: nichts. Ein schmaler Wikipedia-Eintrag, ein Interview mit Jean Genet von 1985, bei dem Williams als Fragesteller nur peripher eine Rolle spielt sowie ein, zwei wohlwollende Buchbesprechungen. Doch ansonsten: kein Blog, keine Homepage, nicht mal irgendwelche Partyschnappschüsse oder gestellte PR-Aufnahmen. Auch die Biographie, die seine Agentur veröffentlichte, gibt wenig Persönliches preis.

Nigel Williams, geboren 1948, arbeitet seit seinem Collegeabschluss in Oxford bei der BBC. Er verfasste zahlreiche Romane und Theaterstücke. Zu seinen wichtigsten Auszeichnungen gehören der «Sumerset Maugham Award» und die «Emmy Award»-Nominierung für das Drehbuch «Elisabeth» mit Helen Mirren in der Hauptrolle. Seine Romane sind nur teilweise auf Deutsch erhältlich, grösstenteils findet man sie gar nicht mehr.

Und obwohl er im Theaterbereich kein Unbekannter ist (sein Stück «Klassenfeind» sorgte 1981 in Peter Steins Inszenierung an der Berliner Schaubühne für Furore; von ihm stammt zudem die Bühnenfassung von Goldings «Herr der Fliegen») findet man kein weiteres seiner Stücke auf Deutsch.

Das Gute publik machen

«Make the public good», lautet das Motto der BBC, für die Williams zahlreiche Drehbücher und Hörspiele verfasste. Williams beherrscht das Handwerk guter Comedy, die ein breites Publikum unterhält, ausgezeichnet.

Am Beispiel «HR» – es ist wie ein Kammerspiel: Zwei Herren treten jeweils 30 Minuten lang zusammen auf. Es gibt kaum weiteres Personal, kaum Schauplatzwechsel, keine aufwändigen Requisiten, keine musikalischen Einschübe, keinen Bruch im Erzählstrang, keine Kinkerlitzchen – nur Situationskomik. Voller gut gebauter Dialoge, überraschenden Handlungsentwicklungen und gekonnt eingestreuten Pointen.

So bleibt die Hoffnung, dass Nigel Williams und seine Romane und dramatischen Texte in Zukunft auch im deutschsprachigen Raum mehr Beachtung finden – und dass so auch der zweite Teil des BBC-Wahlspruchs in Erfüllung geht: «….and the good public.»

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