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Ich und der Iran Auf der Suche nach dem Gefühl der Heimat

Kathy Zarnegin zog als 14-jähriges Mädchen von Teheran nach Basel. Allein und auf eigenen Wunsch – sie wollte frei sein.

Eine Frau sitzt im Restaurant, im Vordergrund: die Iran und die Schweizer Flagge
Legende: Eine Person, zwei Heimaten: Kathy Zarnegin, der Iran und die Schweiz. Daniela Beck

Im Frühjahr 2018 reiste sie für eine Radiosendung an die Orte ihrer Kindheit und zu ihrer Familie, die noch heute im Iran lebt. Im folgenden Text beschreibt sie, wie es ihr bei der Spurensuche nach dem Gefühl der Heimat ergangen ist.

Iran – meine Heimat?

Ein einziges Mal konnte ich diesen Sommer einem Fussballmatch nicht widerstehen – wie denn auch? Eine der Fussballmächte spielte gegen ein Land, das aus der Ferne seit vielen Jahren in meinem Leben auftaucht, getarnt mit verschiedensten Bezeichnungen: als mein Geburtsland, meine alte Heimat, meine andere Heimat, mein Herkunftsland, meine Heimat überhaupt usw.

Offenbar gibt es keinen Ausdruck, der mein Verhältnis zu diesem Land mit einem Wort klären würde. Es ist nicht eindeutig, welche Beziehung dieses Land und ich miteinander pflegen. Eine traurige Geschichte, weil hier etwas keinen Namen zu haben scheint: ich und der Iran.

Kathy Zarnegin

Kathy Zarnegin

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Kathy Zarnegin (*1964) ist Lyrikerin, Autorin, Journalistin, Philosophin und ausgebildete Psychoanalytikerin. Sie wuchs in Teheran auf, wanderte aber im Februar 1979, mitten in den Wirren der iranischen Revolution, nach Basel aus. Zu ihrer reichhaltigen Publikationsliste gehören Lyrikbände, Essaybände und Sachbücher zur Psychoanalyse. Das «Internationale Lyrikfestival Basel» hat sie mitbegründet und war zuletzt dessen Präsidentin. 2017 erschien ihr erster Roman «Chaya», der autobiografische Züge hat. Er handelt davon, wie eine einzelne Existenz mit zwei Heimaten – zwei Sprachen, zwei Mentalitäten, zwei Kulturen – zurechtkommt und wie eine Lyrikerin sich ihren Weg im Literaturbetrieb bahnt.

Website der Autorin, Link öffnet in einem neuen Fenster

Und trotzdem.

Diesem Trotzdem wäre ohne meine letzte Iranreise im Mai 2018 schwer auf die Spur zu kommen. In offizieller Mission als Autorin in Teheran unterwegs, suchte ich mit einem Schweizer Radioredaktor während mehrerer Tage einige auratische Orte meiner Erinnerungen auf und hörte bei meiner eigenen Lesung einer persischen Übersetzung meines in deutscher Sprache verfassten Romans zu (ein sehr unübliches Nebeneinander von meinen zwei Welten, übrigens).

Eine Frau steht vor einer Türe
Legende: Fast 40 Jahre nachdem Kathy Zarnegin aus Teheran wegzog, besucht sie die Orte ihrer Kindheit – etwa ihren letzten Wohnort. Daniela Beck

Die Erfahrung, (auch) dort eine Fremde zu sein, war nicht neu, aber sie erfuhr bei diesem Erlebnis eine wohltuende Anerkennung: Auch fremd sein kennt Nuancen.

Auf einmal bekam meine sogenannte alte Heimat eine ganz andere Bedeutung. Neben allen Unzulänglichkeiten, die den Begriff Heimat prägen – aber jene Heimat entpuppte sich bei der Umkehrung der Sprachen als die vergangene Heimat, vergangen im Sinne von verschwunden.

Meine andere, alte, frühere, ferne, wie-auch-immer-genannte Heimat erwies sich als vergänglich: Nicht nur als ein räumlich-emotionales Koordinatensystem im Hier und Jetzt, sondern auch in ihrem Anspruch, der einzige Ort zu sein, der mir mit imaginierten und nicht imaginierten Gefühlswelten, dienlich sein könnte.

Es gibt mehr als nur eine Heimat, und es gilt, eine Mehrzahl für diesen Begriff zu erfinden, der uns mit seiner Singularität ziemlich in die Enge treibt. Laut Duden gäbe es sie allerdings schon: die Heimaten, was leider irgendwie zwischen den Zähnen knirscht.

Alles war auf dieser Reise da, wie immer, wie es vermutlich immer auch sein wird: Herzklopfen bei der Ankunft, die freudige Begegnung mit meiner Familie, die Sehnsucht erweckenden Geräusche und Bilder auf den Strassen und in Teherans Bazaren, die Schönheiten und Kompliziertheiten der Alltagsrituale, die Unfassbarkeit eines Verkehrs, dessen Regellosigkeit von allen so meisterhaft beherrscht wird, dass daraus eigene Regeln abzuleiten wären, die oft so vermissten Lieblingsspeisen, das Staunen im Ohr, die Muttersprache ohne Anstrengung zu verstehen und sie so selbstverständlich zu sprechen, wie wenn nicht viele Jahre und viele Bücher in einer anderen Sprache uns voneinander trennen würden und das Bindeglied zu sein zwischen meinen Schweizer Begleitpersonen und dem Land, das meine Kindheit auf seinem Schoss trägt – das alles war da und wird immer da sein, trotzdem.

Das Blättern in alten Fotoalben ist oft rührend. Freude, Wehmut, manchmal sogar Tränen mischen sich bei. Vielleicht weil das Wissen da ist, dass dies Relikte einer Vergangenheit sind, die so nie wieder da sein wird, die aber trotzdem zu unserem Leben gehört. Als Abkömmling des Verlusts ist der Vergangenheit selten nur mit einem einzigen Wort beizukommen.

Wahrscheinlich erzählen wir aus diesem Grund Geschichten. Wahrscheinlich hängen wir aus demselben Grund an der unverbrüchlichen Fantasie von der Einzigartigkeit unserer Heimat.

Sendung: HörPunkt, SRF 2 Kultur, 02.09.2018, 11.00 Uhr

1 Kommentar

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  • Kommentar von ely berger (bärn)
    "Als Abkömmling des Verlusts ist der Vergangenheit selten nur mit einem einzigen Wort beizukommen." Es gab ein Ländername, der mich als Kind und noch einige Jahre danach bezauberte, die Phantasie zum Blühen brachte: Persien. Im Wort (und Land?) Iran, hat es keinen Zauber mehr. Aber alles ist veränderbar, der Zauber kann zurückkommen. Seit das Wort Phantasie mit wie Fan, Fan atiker daherkommt, hat es auch keinen Zauber mehr: nur (amerikanischer) Kommerz, passt zum Iran, Zeitgeist.
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