Intellektuell, westlich, Muslim: Navid Kermani

Nicht umsonst wird ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels überreicht: Navid Kermani gehört zur Generation junger Schriftsteller, die sich wieder einmischen in die Weltlage. Vor allem, wenn es um den Islam geht. In seinem neuesten Buch nähert er sich der bildenden Kunst – der christlichen.

Porträt von Navid Kermani, mit blauem Hemd und grauem Jacket. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zu einem öffentlichen Intellektuellen herangewachsen: Navid Kermani am Literaturfestival in Leukerbad, 2014. Keystone

Navid Kermani ist ein westlicher Intellektueller und ein gläubiger Muslim. Er lebt in Köln, ist Deutscher, ein Sohn iranischer Einwanderer. In seiner Jugend ist er muslimisch erzogen worden, aber nicht ideologisch. Kermani sagt, er stamme aus einem «angenehm religiösen Haushalt»; das heisst, ihm wurde Güte und Warmherzigkeit vorgelebt statt religiöser Strenge und Rechthaberei.

Festrede am Deutschen Bundestag

Der Begriff der Warmherzigkeit, der Toleranz durchzieht das Denken und die zahllosen Bücher des Navid Kermani. So hat er einst heftig gegen die Volksabstimmung zum Minarettverbot protestiert. Sein Ziel ist es, Grenzen zu öffnen – in diesem Fall die Grenzen zwischen Christentum und Islam. Und gerade dort, wo man – wie im Fall der Minarette – einander nicht versteht, kommt es auf Toleranz an. Darauf, etwas zuzulassen, das einem selber fremd ist.

Der Deutsche Bundestag hatte dieses Frühjahr Kermani eingeladen, aus Anlass des 65. Geburtstags der deutschen Verfassung die Festrede zu halten. Kermani nutzte den ehrenvollen Auftritt für einen Appell, das Grundrecht auf Asyl für politische Verfolgte nicht auszuhebeln. Gleichzeitig erkennt der Deutsch-Iraner an, dass die Notwendigkeit der Integration von Flüchtlingen bei vielen Bürgerinnen und Bürgern längst angekommen ist. Damit widerspricht der Muslim den alarmistischen Medien, die an jeder Ecke Islamophobie wittern.

Renommierter Preis

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Buchhinweis

Navid Kermani: «Ungläubiges Staunen über das Christentum», C.H.Beck, 2015.

Navid Kermani ist in seiner Doktorarbeit der Frage der Schönheit des Islams nachgegangen. In seinem neuesten, letzte Woche erschienen Buch «Ungläubiges Staunen über das Christentum» geht er der Schönheit mittelalterlicher Bilder mit christlichen Motiven nach: bei Rembrandt, bei Caravaggio, El Greco oder bei Botticelli.

Navid Kermani ist jetzt 47 Jahre alt. Mit seinen Büchern und Reportagen wie zuletzt im «Ungläubigen Staunen über das Christentum» ist er zu so etwas wie einem öffentlichen Intellektuellen herangewachsen. Nicht umsonst bekommt er im Oktober aus Anlass der Frankfurter Buchmesse den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

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