Jeder gegen jeden auf der Jagd nach dem Glück

Die Theaterstücke der französische Schriftstellerin Yasmina Reza («Der Gott des Gemetzels») gehen unter die Haut – und sie alle sind meisterhaft geschrieben. Jetzt hat Reza einen neuen Roman veröffentlicht. In «Glücklich die Glücklichen» skizziert sie die Einsamkeit als elementare Erfahrung.

Talent zum Unglück haben die Figuren bei Yasmina Reza. Das war schon immer so, in all den verwickelten Verhältnissen, die diese Autorin seit langem so erfolgreich auf die Bühnen bringt. Gelingen ist nur Fassade, eine bürgerliche Fassade, die mit grossem Aufwand hergestellt werden muss.

In 21 knappen Szenen erzählen Rezas Protagonisten von «Glücklich die Glücklichen» von sich selbst. Verliebt, verwandt, verfeindet berichten sie von ihrem Leben in Ehen und Beziehungen, als Paare und als Einzelgänger. Es sind Berater, Journalisten, Politiker, Schauspielerinnen, Ärzte aus dem Milieu der oberen Pariser Mittelschicht.

Krieg um nichts, Kampf um Kleinigkeiten

Yasmina Reza erzählt gestenreich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Berühmt ist Yasmina Reza vor allem für ihre Theaterstücke «Kunst», «Drei Mal Leben« und «Der Gott des Gemetzels». Keystone

Krieg lauert unter der polierten Oberfläche ihrer Verhältnisse. Krieg um nichts. Kampf um Kleinigkeiten, aus dem Augenblick heraus. Streit gibt es ohne Vorwarnung, ob an der Käsetheke über die richtige Sortenwahl oder beim Bridge über die richtige Spieltaktik.

Im Nu eskaliert die Situation und eine Figur verschlingt gestenreich die Spielkarte, den Kreuz-König. Das ist grotesk, wirkt aber wie selbstverständlich im Fluss des Erzählten. Es ist eine kleine Erschütterung nur, aber eine heftige. «Dem Einfachen entspringt Pathetisches», hat Reza dazu in einem Interview gesagt.

Die Asche eines Toten, ein Stricher und Céline Dion

Yasmina Reza besitzt einen Sinn für leise Surrealistisches. Für schwankenden Boden im Abseits bürgerlicher Szenerien. Robert, Marguerite, Odile, Vincent, Ernest und die Anderen, das ist das Personal. Die Szenen sind mit ihren Namen überschrieben. Es ist ihr Auftritt. Ihr Sprechen ein innerer Monolog. Da ist einer, unschlüssig, was mit der Asche nach seinem Tod geschehen soll: «Die Dinge sind zum Verschwinden gemacht.»

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Buchhinweis

Yasmina Reza: «Glücklich die Glücklichen». Hanser, 2014.

Ein anderer sucht im Bois de Boulogne verzweifelt den einen Stricher, der ihn gegen Geld nicht nur geschlagen, sondern auch getröstet hat. Der Sohn einer nach aussen perfekten Ehe halt sich für Céline Dion – nein, er ist Céline Dion, die kanadische Sängerin. Er spricht ihren kanadischen Akzent, gibt Autogramme und ist glücklich dabei. Verrückt und glücklich.

Betrug ist Alltag in den Beziehungen

Odile betrügt Robert mit Rémi, der sie mit Loula betrügt. Betrug ist Alltag in diesen Beziehungen. Jeder gegen jeden auf der Jagd nach dem Glück, das immer anderswo ist – und nirgends. Je länger desto mehr hängt alles mit allem zusammen. Eben noch Hauptfigur einer Szene wird man Nebenfigur einer anderen. Aus einer Stimme wird ein Chor und sein Grundton ist Einsamkeit. Einsamkeit als elementare Erfahrung, Einsamkeit hinter allen rastlosen Karrieren, Seitensprüngen und all den abgelebten Illusionen.

Yasmina Reza liebt die Vielstimmigkeit auf engstem Raum. 18 Personen reden mit- und übereinander, ohne dass man das gleich bemerken würde. Ihre Lebensläufe driften auseinander, die meisten treiben aber die anderen weg von sich selbst.

«Wir sind mehrere. Das ist eine Quelle der Angst. Mich interessiert der Bruchpunkt im Leben. Der Fels ist bröckelig, aber wo?», sagt Yasmina Reza zu ihrem Roman. Dessen Titel ist ein Zitat des argentinischen Autors Jorge Luis Borges und trifft die Lage mit Ironie: «Glücklich die Glücklichen».

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