John Irving bleibt den Aussenseitern treu

«In einer Person» ist ein typischer Irving-Roman. Eine tragikomische Geschichte mit Aussenseitern und exzentrischen Figuren, mit denen der Autor äusserst vorsichtig umgeht.

Nahaufnahme von Autor John Irving: Der grauhaarige Mann spricht auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: John Irving: «Transsexuelle sind eine Minderheit innerhalb der Minderheit.» keystone

«Was wir begehren, prägt uns», steht auf der ersten Seite des Buches. Die Hauptfigur Billy hat die Liebe zu einer älteren Frau geprägt, der Schulbibliothekarin Miss Frost. Sie weckt beim Jungen erste sexuelle Phantasien. Als sie ihn im Hinterzimmer verführt, merkt er, dass sie eigentlich ein Mann ist.

Am Rand der Gesellschaft

So beginnt sein Leben zwischen den Geschlechtern. Und es treibt ihn später in die Schwulenszene nach Wien, zu den Transsexuellen nach Paris und ans Krankenbett vieler Aids-Opfer in New York.

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Buchhinweis

John Irving: In einer Person. Diogenes, 2012

Irving gelingt in diesem Roman die Bilanz eines interessanten Lebens an den Rändern der Gesellschaft. Aber nicht nur das. Er erinnert auch an ein verdrängtes Kapitel der jüngeren Vergangenheit: Das Aufkommen der Aids-Epidemie in den 80er-Jahren.

Ein Schlüsselroman von Irving

Das Buch «In einer Person» liest sich wie ein Schlüsselroman zu Irvings Werk: Ähnlich wie schon sein erster Welterfolg «Garp und wie er die Welt sah» dreht sich auch diese Geschichte um sexuelle Minderheiten. Auch andere typische Motive tauchen wieder auf: das Internatsleben in Neuengland, die Begeisterung fürs Ringen, ungewollte Schwangerschaften und schreckliche Verkehrsunfälle.

Das grösste Gütesiegel bei Irving sind aber nach wie vor seine Charaktere. Neben der unvergesslichen Miss Frost besitzt auch Billys Grossvater einen Charme, dem man sich kaum entziehen kann.

Originelles Personal

Der Grossvater ist der Star in der lokalen Laientheatergruppe und schlüpft am liebsten in Frauenrollen. So findet er einen Weg, sein Faible für Damengarderoben in aller Öffentlichkeit zu kultivieren. «Aussenseiter garantieren die besseren Geschichten», gibt John Irving im Interview unumwunden zu.

Aber er stellt diese Aussenseiter niemals bloss, sondern führt sie liebevoll durch den Roman. Beim Lesen spürt man, wie er im Hintergrund stets ein wachsames Auge auf sie hält und selber wütend wird, wenn ihnen etwas zustösst. John Irving ist überzeugt: «Jede gute Geschichte handelt von der Angst und vom Schmerz, dass Menschen, die wir mögen, verletzt oder getötet werden.»

Irving schickt sein Publikum immer wieder auf eine emotionale Achterbahn: man lacht, man weint und man schüttelt ungläubig den Kopf. Für die einen mag die Welt, wie Irving sie sieht, überzeichnet und grotesk wirken, andere erkennen in ihr die heutige Realität.

Porträt von einer globalen, chaotischen Welt 

Irving zeigt auf, wie unberechenbar und gnadenlos die Gegenwart ist. Das Schicksal kann uns jeden Moment ins Verderben stürzen. Vielleicht finden seine Helden deshalb immer wieder den Mut, aus Normen auszubrechen.

Seine Figuren haben schon längst begriffen, worauf es in diesem verrückten Alltag letztlich ankommt: Nahe bei sich selber bleiben und Sorge tragen zu Menschen, die einen lieben. Nur so kann man seine Haut im globalen Chaos noch retten – vielleicht.

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Reisender in Sachen Bestseller

5:16 min, aus Kulturplatz vom 14.11.2012