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Josef Mengeles Flucht Vom mörderischen Pascha zur verängstigten Ratte

Kann man aus der Perspektive eines Kriegsverbrechers schreiben, ohne Empathie für ihn zu wecken?

Legende: Audio «Das Verschwinden des Josef Mengele» von Olivier Guez abspielen. Laufzeit 54:50 Minuten.
54:50 min, aus 52 beste Bücher vom 28.10.2018.

«Josef Mengele ist der Fürst der europäischen Finsternis. Der stolze Arzt hat Kinder seziert, gefoltert und verbrannt. Der Musterangestellte der Todesfabriken, glaubte seiner Strafe zu entkommen. Jetzt beginnt Mengeles Höllenfahrt.»

So schreibt Olivier Guez über Josef Mengele, den Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz.

Guez ist ein sprachgewaltiger Autor – kräftig, ausdrucksstark, atemberaubend. Sein aktueller Roman über Josef Mengele ist in Frankreich zu einem Bestseller geworden und hat einen der höchsten Literaturpreise des Landes erhalten, den Prix Renaudot.

Josef Mengele

Josef Mengele
Legende:Wikipedia

Josef Mengele war ein deutscher Arzt und Kriegsverbrecher. Er war Mitglied der Waffen-SS und arbeitete als Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz, wo er unter anderem Menschenexperimente durchführte. Mengele flüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland. Er starb 1979 in Brasilien.

Um Auschwitz geht es nur am Rand

Dieser Erfolg erstaunt nicht, wenn man das Buch liest, das nun in der deutschen Übersetzung von Nicola Denis vorliegt: Der Roman fesselt, macht betroffen, verstört. Eine seiner Stärken ist es, dass es darauf verzichtet, an all die bekannten Gräueltaten Mengeles in Auschwitz schöne literarische Sätze zu verschwenden.

Mengeles abscheuliches Gebaren an der Rampe in Auschwitz, seine pseudomedizinischen Versuche an Häftlingen, seine monströse Zwillingsforschung – all dies taucht im Roman nur am Rand auf. Im Zentrum steht die Zeit danach: das Leben im Exil in Südamerika.

Die goldene Zeit der geflohenen Nazis

Mengele ist wie viele andere Alt-Nazis nach Argentinien geflohen. Unter dem damaligen Diktator Perron waren die Kriegsverbrecher gerne gesehene Gäste. Das Regime verspricht sich von ihnen Vorteile für die argentinische Wirtschaft.

Mengele suhlt sich im Glück, «denn er hat die Freiheit, Geld und Erfolg, niemand hat ihn verhaftet, und niemand wird es je tun». Doch die Freude ist verfrüht: 1960 kommt die Wende, und aus Mengele, dem «Pascha» wird – wie es im Roman heisst – Mengele, die «Ratte».

In jenem Jahr schnappen israelische Mossad-Agenten Adolf Eichmann, jenen wichtigen Mitorganisator des Holocaust. Er habe nur Befehle ausgeführt, wird Eichmann in Israel vor Gericht aussagen – und dennoch am Strang landen.

Die Verhaftung und Entführung Eichmanns schlägt in der Nazi-Gemeinde in Argentinien ein wie eine Bombe: Wenn es Eichmann treffen kann, dann jeden!

Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem.
Legende: Wenn er gefasst werden kann, können alle gefasst werden: Kriegsverbrecher Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem. Keystone

Der Gejagte

Auch Mengele. Er flieht nach Paraguay, nach Brasilien. Versteckt sich auf abgelegenen Farmen, über Jahre. Dann in einem heruntergekommenen Vorort von São Paulo.

Und die permanente Angst verzehrt den Sohn aus gutbürgerlichem Haus, der weder Soldat noch Abenteurer ist. Er traut sich nicht mehr unter die Menschen. Er hasst alle und alles: die deutsche Nachkriegspolitik, Israel, die Juden, die linke Presse, die Mitmenschen.

Das Leben wird ihm zur Hölle, er wird krank, bitter. Aber geschnappt wird er nie: Er ist für die Nazijäger kein prioritäres Ziel.

Das Böse wird fassbar

Olivier Guez hat für den Roman intensiv recherchiert. Er hat viel gelesen, und er hat die Orte, wo Mengele war, besucht, in Deutschland und in Südamerika. Entstanden ist ein Tatsachenroman im Stil von Truman Capotes «In Cold Blood».

Nach der Lektüre weiss man, was man schon immer wusste: Mengele war menschlicher Abschaum. Aber man weiss es anders als vorher. Das Böse wird in diesem Roman fassbar. Am meisten in Mengeles Unfähigkeit, nur ein bisschen Reue zu zeigen.

Oder Mitleid für die Juden, die er zu Hunderttausenden in den Tod geschickt hat. Das lehnt er ab: «Mitleid ist keine gültige Kategorie, weil die Juden nicht der Menschheit angehören.»

Ein Tod, der Freude macht

Olivier Guez’ Roman ist nicht frei von Risiken: Der Autor geht so nahe an seinen Protagonisten heran, dass er seine Unmenschlichkeit zu verlieren droht. Man ist in Mengeles Kopf, in seinem Denken, man erfährt gar seine Träume. Da wird die Bestie zum Du, ein Bisschen zumindest. Darf dies sein?

Der Schädel von Mengele
Legende: Ironie des Schicksals: Mengeles Schädel dient heute als Anschauungsobjekt für brasilianische Medizinstudenten. Keystone

Ja, denn auch wenn bei der Lektüre hin und wieder mit Mengele Empathie aufflammen sollte, sie bleibt gering. Die Distanz überwiegt. Und als Mengele 1979 beim Schwimmen einen Schlaganfall erleidet und jämmerlich ertrinkt, «schlagen die Möwen mit den Flügeln und kreisen freudekreischend über ihm».

Es rührt sich auch beim Lesenden kein Mitleid. Im Gegenteil: Es ist ein Tod, der Freude macht.

Buchhinweis

Olivier Guez. Das Verschwinden des Josef Mengele. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Aufbau 2018.

25 Kommentare

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  • Kommentar von pedro neumann (al pedro)
    Die Nazi-Herrschaft war abscheulich und darf nicht vergessen werden. Es wäre aus Gründen der Ausgewogenheit wertvoll, auch die Folgen kommunistisch-sozialitischer Regimes anzuprangern, siehe z.B. Wikipedia: "Die Gesamtzahl der Opfer aus der Stalin-Zeit ist nicht bekannt und schwer zu verifizieren, Schätzungen von Historikern reichen von mindestens etwa 3 Millionen Toten bis hin zu weit über 20 Millionen". Auch interessant wären die Verbrechen während der Chinesischen Kulturrevolution...
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  • Kommentar von Mischa Veith (mischa)
    Unglaublich, dass solch ein Dumpfbacken-Kommentar freigeschalten wird!!
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  • Kommentar von Erwin Jenni (ej)
    Der Vatikan war massgeblich daran beteiligt Nazis sicher nach Südamerika zu bringen. Schliesslich war Perron ein treuer Katholik und Rom die erste und wichtigste Instanz, welche mit Nazi-Deutschland ein Konkordat abgeschlossen hat im Jahr 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers. Als die Amis kamen welchselte man schnell die Seiten. Die kath. Kirche mit ihren Würdenträgern machte sich durch dieses Handeln mitschuldig am Holocaust der Juden! Das alles sind geschichtliche Fakten.
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