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Schriftsteller Jonas Lüscher Lässt sich das Leben mit «Lifehacks» austricksen?

Im Silicon Valley sollen die grossen Menschheitsprobleme mit innovativer Technologie gelöst werden. Auch die Sterblichkeit. Der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher sieht die Entwicklung skeptisch und kritisiert den Machbarkeitswahn.

Legende: Video Jonas Lüscher: Kommt alles gut? abspielen. Laufzeit 55:50 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 16.04.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Silicon Valley herrscht der «konkrete Optimismus»: die Vorstellung, man könne die grossen Menschheitsprobleme mit technologischen Innovationen bald lösen.
  • Der Schweizer Autor und Philosophen Jonas Lüscher widmet sich in seinem neuen Roman «Kraft» diesem effizienzorientierten Geist der Vermessbarkeit.
  • Er ist skeptisch: nicht alles sei mess- und quantifizierbar. Wir müssten wieder lernen, «den Zufall für würdig zu erachten».

Lebensmittel einkaufen, sie im Kühlschrank lagern, bei Bedarf zubereiten, kochen, anrichten, mit Freunden gemeinsam essen und hinterher spülen. Das alles kostet Zeit.

Die effiziente Lösung dieses Zeitproblems lautet: «Soylent». Eine künstliche Flüssignahrung mit allen wichtigen Nährstoffen. Damit hat man das Leben ausgetrickst. Im Silicon Valley, der kalifornischen Ideenschmiede, spricht man gar von einem «Lifehack», einem Hackerangriff auf das oft umständliche und ineffiziente Alltagsleben.

Für den Schweizer Autor und Philosophen Jonas Lüscher steckt hinter dieser Idee eine befremdliche Haltung: Man reduziert eine Kulturtechnik, in diesem Fall das Essen, auf eine Reihe von Messwerten.

Man befreit sie damit «von allen historischen Bezügen, von allem emotionalen Ballast, bis man den nackten, vermessbaren Kern vor sich hat». Lüscher widmet sich in seinem neuen Roman «Kraft» diesem effizienzorientierten Geist der Vermessbarkeit, der aus dem Silicon Valley zu uns heranweht.

Die grossen Probleme lösen mit «Moonshots»

Diese Mentalität der Machbarkeit, dieser «konkrete Optimismus», wie der milliardenschwere Investor und Paypal-Gründer Peter Thiel in seinem Buch «Zero to One» schreibt, äussert sich etwa auch in der Vorstellung, man könne die grossen Menschheitsprobleme bald lösen, und zwar durch technologische Innovationen. Im Silicon Valley nennt man das «Moonshots».

Lüscher, der selbst neun Monate im Silicon Valley gelebt hat, vermutet hinter dieser Suche nach «Moonshots» simple kapitalistische Interessen und eine gehörige Dosis Naivität. Denn während im Silicon Valley Milliarden investiert werden, um das «Problem» der Sterblichkeit zu lösen, leidet immer noch knapp eine Milliarde Menschen an Hunger.

Legende: Video «Kraft» von Jonas Lüscher (C.H. Beck) abspielen. Laufzeit 17:05 Minuten.
Aus Literaturclub vom 31.01.2017.

Vermessungswahn

Zudem meint Lüscher, dass wir heute einer «quantitativen Blendung» unterliegen, einem Verlangen, alles zu messen, zu quantifizieren, zu zählen. Hinter diesem Vermessungswahn verstecken sich nach Lüscher eine Sehnsucht nach Kontrolle, nach Planbarkeit und der Versuch, das «Joch des Zufalls» abzuschütteln.

Ein Bestreben, das Lüscher persönlich nur schwer nachvollziehen kann. Er fordert vielmehr, wir müssten wieder lernen, «den Zufall für würdig zu erachten», über unser Leben zu bestimmen. Denn der Zufall gehöre zum Leben, ebenso wie der Tod.

Auch mit Menschenleben lässt sich rechnen

Zudem, so der Literat, sollten wir wieder lernen, auf Geschichten zu vertrauen, aufs Erzählen statt aufs Zählen. Denn, davon ist Lüscher überzeugt, mit Geschichten können wir die komplexe Wirklichkeit, in der wir leben, oft besser verstehen als mit mathematischen Modellen. Letztere würden nämlich ausblenden, woraus das Leben im Wesentlichen besteht: aus konkreten Einzelfällen.

Für viele Techno-Optimisten aus dem Silicon Valley gilt der Einzelfall, das Schicksal eines einzelnen Menschen, jedoch als vernachlässigbar angesichts der positiven Entwicklung des grossen Ganzen. Auch mit Menschenleben lässt sich rechnen. Das kleine Übel ist gerechtfertigt angesichts der Güte des grossen Ganzen.

Wieso lösen wir nicht die lösbaren Probleme?

Ähnlich hatte 1710 der deutsche Philosoph Leibniz den lieben und allmächtigen Gott verteidigt angesichts der Übel in der Welt. Lüscher greift in seinem Roman auf diese Idee der «Theodizee» zurück und überträgt sie in unsere Zeit.

Angesichts der technologischen Möglichkeiten steht nämlich nicht mehr Gott, sondern der Mensch selbst auf der Anklagebank und muss sich fragen: Wie können wir zulassen, dass Millionen von Menschen an Hunger, Krieg und Naturkatastrophen leiden, wenn wir doch längst in der Lage wären, das zu verhindern? Dieses Elend zu beseitigen, das wäre doch, so Lüscher, ein wahrer «Moonshot».

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 16.04.2017, 11:00 Uhr

Buchhinweis

Jonas Lüscher: «Kraft». Beck, 2016.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Steffen (ms_1)
    Stimme Jonas Lüscher zu! Objektiver Zufall (Indeterminismus) bildet die Basis für Lebensqualität, ermöglicht erst Freiheit und Selbstbestimmung. Er existiert und lässt sich nicht be-/wegrechnen! Im Übrigen werden es wohl technologische Entwicklungen der ICT Branche sein, welche die Menschheit an die Wand fahren! Nur schon die massiv zunehmenden und alle Lebensbereiche durchdringenden Abhängigkeiten von einer Technologie, die der Mensch nicht beherrscht, werden sich bitter rächen. Etc., etc...
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Bei den Machbarkeitsfantasien sollten sie einfach mal an Illusion 4.0, das Selbstfahrende Auto und die Energiewende denken. Alle Prediger dieser Ideen haben keinerlei technisch, Naturwissenachaftlichen Hintergrund. Die Maginot Linie, Marskolonien, Terraforming auf dem Mars, fliegende Autos, Zeppelin-Flugzeugträger, der Kampfpanzer 8, der Tulpen-Boom usw. Alles Hirngespinste... Genauso wie das oben genannte. Ein Konzept oder Prototyp ist nicht die fertige technische Lösung.
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    1. Antwort von Thomas Mann (Freidenkerin)
      Herr Heck, da müssen Sie was falsch verstanden haben. Es geht hier um den Machbarkeitswahn, der das Menschliche Leben zuletzt auf eine rechenbare Existenz reduziert. Die Energiewende ist eine machbare und dringend notwendige Abkehr von der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Die Energiewende stellt den Menschen, auch den kommender Generationen in den Mittelpunkt. Genau das Gegenteil also.
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Die Computer, Respektive die Bilder, haben eine Illusion der Machbarkeit geschaffen. Bloss Bilder sind keine Realität. Die Physikalischen Gesetze gehorchen sich selbst. Sie haben die Linken und Grünen Technikfans welche Null Ahnung von Technik haben und die Kapitalistischen Manager, die ebefalls keine Ahnung haben. Alle dahinter, Ingenieure und Facharbeiter werden einfach nach Belieben verheizt. ... Das ist die Realität. ...
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