«Legt euch nicht zu Füssen der Weissen, sondern steht auf»

Seit ihr Roman «Erschlagt die Armen!» in Frankreich 2011 erschien, darf Shumona Sinha nicht mehr als Dolmetscherin für die Ausländerbehörde arbeiten. In ihrem Roman erzählt sie schonungslos von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen.

Shumona Sinha stützt ihren Kopf auf ihre Hände. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Shumona Sinhas Roman vermischen sich Erzählerin und Autorin. Patrice Normand

Shumona Sinha wie haben Sie die Jahre als Dolmetscherin für die OFPRA, für die Ausländerbehörde von Paris, erlebt?

Diese Zeit war für mich sehr schlimm, weil ich bis dahin nicht gewusst habe, unter welchen Bedingungen Menschen aus Bangladesch, aus Indien und Pakistan in Paris leben: am Rande der Gesellschaft, im Dreck und Elend.

Damit als Dolmetscherin konfrontiert zu werden nach mehr als acht Jahren, in denen ich bereits in Frankreich gelebt habe – als Studentin an der Sorbonne, als Englischlehrerin – das war für mich ein Schock. Das hat mich zutiefst erschüttert.

Zusatzinhalt überspringen

Shumona Sinha

Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. An der Sorbonne machte sie einen Abschluss in Literaturwissenschaft. 2008 erschien ihr erster Roman. «Erschlagt die Armen!» ist ihr zweiter Roman. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. Bis November 2016 ist sie Writer in Residence in Zürich.

Haben Sie Ihren Roman «Assomons les pauvres!» (deutsch: «Erschlagt die Armen!») aus dieser Erschütterung heraus geschrieben?

Ja, genau. Die Zeit als Dolmetscherin war schwierig. Aber solche Umstände haben auch etwas Gutes: Ich hatte viel Material, um darüber zu schreiben. Die Basis, die Geschichte und die Figuren hatte ich in kurzer Zeit, in fünf, sechs Monaten beieinander. Danach musste ich dem Ganzen nur noch eine fiktionale Form geben.

Sie haben dafür die Form des Monologs gewählt, warum?

Es war für mich unmöglich, mich und die Geschichte, die ich erzähle, zu trennen. Die Erzählerin und die Autorin vermischen sich in meinem Roman. Aber ganz anders als viele Dolmetscher und Übersetzer, die auf diesem Gebiet arbeiten und das auch aushalten, hat die Erzählerin eine übertriebene Empfindsamkeit.

Alles ist in ihrem Kopf ist verstärkt, die Gedanken, die Worte, Gesten, Gesichter – alles. Ich wollte, dass die Welt durch den Blick der Erzählerin verzerrt wird. Das ist für mich Literatur. Die fantastische, wunderbare und notwendige Verkehrung der Realität ins Ungewöhnliche.

In diesem Sinn haben Sie mit «Erschlagt die Armen!» auch einen ungewöhnlichen Buchtitel gesetzt?

Ja, als der Text fertig war, bin ich auf ein Gedicht von Charles Baudelaire gestossen. Darin verprügelt ein Dichter einen Bettler, um ihn auf Augenhöhe zu zwingen.

Das ist vielleicht eine provokante Handlung, aber gleichzeitig habe ich das als Appell an die Flüchtlinge aus Bangladesch gesehen: Legt euch nicht zu Füssen der Weissen, sondern steht auf.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Shumona Sinha: «Erschlagt die Armen!». Edition Nautilus, 2015.

Ich habe gesehen, wie meine Landsleute ihre Misere kapitalisieren, statt sich daraus zu befreien. Das hat mich gestört. Das wollte ich ändern. Darum habe ich Baudelaires Gedicht «Erschlagt die Armen!» als Titel für mein Buch gewählt.

Ist Ihr Buch eine Kampfansage an das französische Asylsystem?

Ich spreche nicht für alle Flüchtlinge. Ich spreche über die Situation der Flüchtlinge aus Bangladesch. Die politische Situation ist dort mafiös. Es sind die Kleinunternehmer, die Händler, die einfachen Arbeiter, die das Land verlassen.

Sie haben das Recht zu gehen aus politischem Grund. Aber sie gehen, weil es ihnen wirtschaftlich nicht gut geht. Mein Problem damit ist: Warum akzeptiert das französische Asylsystem diese Gründe nicht? Warum zwingt man Flüchtlinge zu lügen?

Wenn sie nicht sagen, dass sie aus politischen Gründen Asyl beantragen, werden sie abgewiesen. Darum ist für mich die OFPRA eine Lügenfabrik.

Was müsste man Ihrer Meinung nach tun, um das Asylsystem zu verbessern?

Ich sehe die Dinge aus einer humanistischen Sicht. Wenn man die Menschen retten will, muss man sie auch willkommen heissen. Man muss die Debatte öffnen und nebst politischen auch wirtschaftliche und ökologische Asylgründe anerkennen.

Zusatzinhalt überspringen

Veranstaltungshinweis

Am 12.7.2016 liest Shumona Sinha am Openair Literatur Festival im Alten Botanischen Garten Zürich.

Die Leute kommen so oder so. Sie sind da. Wo man das zu verhindern sucht, wo es Illegale gibt, ist die Mafia, ist der Schwarzmarkt da. Das muss verhindert werden.

Jetzt hat die OFPRA auf Ihr Buch sehr heftig reagiert. Seit dem Erscheinen von «Erschlagt die Armen!» dürfen Sie nicht mehr für die Ausländerbehörde von Paris als Dolmetscherin und Übersetzerin arbeiten. Hat Sie das nicht zornig gemacht?

Ich war sehr gekränkt. Ich habe mir gesagt: «Spinnen die?» Das ist Zensur. Mein Roman ist nicht einfach schwarz-weiss. Die OFPRA ist wirklich nicht die richtige Institution, die meinen Roman literarisch bewerten kann. Aber heute, mit etwas Abstand, rege ich mich darüber weniger auf. Ich finde es vor allem lächerlich.

Sendung zu diesem Artikel