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Lesen mit Bettina Stucky «Ich hätte gerne Zeit für Dostojewski»

Legende: Video Einmal einfach: Der Literaturclub im Mai abspielen. Laufzeit 74:00 Minuten.
Aus Literaturclub vom 22.05.2018.

«Literaturclub»-Gastkritikerin Bettina Stucky ist Fan von Albert Camus, hätte gerne Zeit für Dostojewski und bewundert das Anarchistische bei Astrid Lindgren.

Bettina Stucky

Bettina Stucky

Schauspielerin

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Die Schweizer Schauspielerin Bettina Stucky ist dem Theaterpublikum aus vielen Arbeiten mit dem Regisseur Christoph Marthaler bekannt. Auch in vielen Film-und Fernsehproduktionen wurde sie besetzt («Nachbeben» von Stina Werenfels», zuletzt auch in «Die göttliche Ordnung» und «Der Bestatter». Sie lebt in Hamburg und gehört zum festen Ensemble des dortigen Schauspielhauses.

SRF: Was ist Ihr liebstes Buch?

Bettina Stucky: «Der Fremde» von Albert Camus. Das ist mein Lieblingsbuch. Ist es immer geblieben. Das hat vielleicht auch mit meiner Kindheit zu tun – diese präzisen Beschreibungen des Lichts im Süden. Die Irrationalität eines Moments – wo man sich fragt: warum eigentlich? Und die Finalität einer nicht getroffenen Entscheidung. Ich finde das nach wie vor ein komisch irritierendes, die Fragen nicht beantwortendes Buch. Und gerade das liebe ich daran.

Ihr bevorzugter Leseort?

Auf dem Sofa. Liegend.

Mehrere Bücher gleichzeitig? Oder immer eins nach dem anderen?

Tatsächlich parallel – und eigentlich finde ich das doof. Weil die Konzentration nicht so richtig gegeben ist. Ich vergesse und muss wieder zurückspringen im jeweils anderen Buch. Meist gibt es ein Buch, das ich eigentlich lesen will – und dann gibt es relativ viel Literatur, die damit zu tun hat, was ich gerade tue. Diese Mischung ist nicht immer ideal, und meist gewinnt dann – weil ich keine Zeit habe – das, was ich lesen muss.

Welches Buch hat Ihnen die Liebe zum Lesen eröffnet?

Sehr wahrscheinlich «Pippi Langstrumpf» oder «Mio mein Mio» von Astrid Lindgren. Ich glaube, so richtig «Mio mein Mio».

Ein Buch, das Sie immer wieder zur Hand nehmen?

Wolfgang Herrndorfs «Arbeit und Struktur». Nomen est omen, der Titel ist Konzept sozusagen, immer wieder! Ich habe es mehrmals in die Ferien mitgenommen. Viele Bücher, die man nicht wirklich zu Ende liest, mag man ja einfach nicht wirklich.

Es gibt auch die Absurdität, dass man ein Buch ausgesprochen mag und trotzdem nicht auf einmal durchliest.

Aber es gibt auch die Absurdität, dass man es ausgesprochen mag und trotzdem nicht auf einmal durchliest. Dieses Buch ist aber auch ein Tagebuch, d.h. es gibt sozusagen eine natürliche Unterteilung in kleine Leseabschnitte – in Richtung unausweichlichen Tod.

Wo lachen Sie laut beim Lesen?

Bei George Tabori. Oft auch bei Peter Esterhazy. Mein Herz schlägt für Leute, die im Osten aufgewachsen sind. Es gibt ein da diesen sehr schwarzen, klaren, präzisen, sehr unausweichlichen Humor. Wahnsinnig vital und zugleich auch wahnsinnig defätistisch. Ich hatte in der Schule kein Englisch und glaube, dass mir dadurch viel englische Literatur flöten gegangen ist, gerade in Bezug auf Humor.

Texte von den Marx Brothers finde ich irre komisch oder Monty Python oder Woody Allen. Die sind meist sowieso als Sketch geschrieben. Mit klarem Blick auf die Pointe. Trotzdem ist das auch sprachlich hochkomisch und nicht nur in der darstellerischen Umsetzung.

Ein Buch, das Sie niemals beenden?

Dostojewski! Den fange ich an und denke: dafür möchte ich in meinem Leben Zeit haben! Das alles in einem Mal lesen! Auch weil ich zutiefst gerührt war von der Übersetzerin Swetlana Geier. Es gibt einen Dokumentarfilm über sie: «Die Frau mit den 5 Elefanten».

Proust finde ich wahnsinnig toll, ich lege ihn aber immer wieder weg.

Und bei Marcel Proust geht es mir ähnlich: Ich finde den wahnsinnig toll, lege ihn aber immer wieder weg, weil mir der lange Atem fehlt. Und ich habe immer noch den Anspruch an mich, ihn irgendwann einmal gelesen zu haben.

Gibt es ein Buch, das Sie gerne verschenken?

Das Buch gibt es nicht – aber ich mag Gaito Gasdanows «Das Phantom des Alexander Wolf». Irgendwie ist es auch mit «Der Fremde» verwandt, findet aber eine andere Auflösung. Achille Mbembes «Kritik der schwarzen Vernunft» habe ich öfters verschenkt, Alain Badious «Lob der Liebe». Oder – wegen der extremen Umstände, in die es eingebettet ist – «Polarfrauen – mutige Gefährtinnen grosser Entdecker» von Kari Herbert. Da spielt Zeit wieder eine ganz andere Rolle!

Ein Buch, das Sie gerne Kindern vorlesen?

Wieder Astrid Lindgren. Sehr vieles von ihr. Es ist eine Mischung aus Rührung, von «so hätte man’s gerne» und einer gewissen Anarcho-Struktur: Lass es uns doch mal ganz anders aufziehen! Das ist etwas sehr Feines und Kostbares. Da kann man als junger Mensch mitbekommen, dass das Leben sehr viel mehr Möglichkeiten hat als eine.

Das Gespräch führte Markus Tischer.

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