Leser vertrauen lieber anderen Lesern als Literatur-Kritikern

Social Reading Plattformen sind kein Nischenphänomen mehr: Allein auf «Goodreads» tauschen sich 20 Millionen Nutzer über Bücher aus. Sie lesen lieber Rezensionen anderer User als die der klassichen Kritiker. Die Verlage haben das erkannt und suchen jetzt Wege in diese Lesezirkel im Internet.

Jacket hängt an Kleiderhaken vor Bücherregal Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hat die klassische Buchkritik ausgedient? Ein Bücherregal in der Kulturredaktion der Zeitung «Der Landbote». Keystone

Über 20 Millionen Menschen nutzen die Social Reading Plattform Goodreads: Sie tauschen sich aus über Bücher, die sie gelesen haben, und geben Empfehlungen ab. Hinzu kommen einige tausend Buchblogger, die Bücher beurteilen. Hat die klassische Buchkritik ausgedient?

Folgen für Medien und Verlage

Für Buchmarktexperte Holger Ehling ist klar: Die Leser tauschen sich lieber mit Gleichgesinnten im Internet aus, als dass sie klassische Buchkritiken lesen. Zumindest die Leser von Fiction-Literatur. Was nicht nur Folgen für die Buchkritiker hat, sondern auch für die Buchverlage, die ihre Leser nicht mehr über die klassischen Promotionskanäle erreichen.

Denn bei den Menschen, die sich in Social Reading Communities bewegen, handelt es sich um begehrte Kunden. Sie sind intensive Buchleser, die teils über 30 Bücher pro Jahr verschlingen. Sie konsumieren in erster Linie Krimis, Fantasy- und Science Fiction- sowie Liebesromane. Massenware also, mit denen die Verlage ihr Geld verdienen.

Vor allem jüngere Leser wenden sich ab

Bisher umwarben die Verlage ihre Fiction-Leser gerne mit Inseraten und gut platzierten Buchkritiken in Zeitungen und Magazinen. Durch die Popularität von Social Reading verlieren diese Kanäle jedoch an Bedeutung. Die Leser vertrauen lieber der Kritik eines gleichgesinnten Mitnutzers auf einer Social Reading Plattform als einem offensichtlichen Promoartikel, der Pressemitteilung eines Verlags oder einer Anzeige, erklärt Ehling.

Vor allem die jüngeren Leser seien misstrauisch geworden gegenüber dem, was ihnen in Zeitungen als Literaturkritik verabreicht werde. Vieles werde als «über die Köpfe hinweggehend» verstanden. «Und es fällt ja doch des Öfteren auf, dass grössere Besprechungen mit grösseren Anzeigen koinzidieren», resümiert Ehling.

Wege in die Internet-Communities gesucht

Die Verlage haben dies inzwischen auch eingesehen und überlegen, wie sie in Social Reading Plattformen aber auch in die Communities der Buchblogger einwirken können.

So hat beispielsweise die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck für den deutschen Sprachraum die Social Reading Plattform «Lovleybooks» ins Leben gerufen, auf der die Nutzer direkt via Internet Lesungen mitverfolgen, an der Fragerunde teilnehmen und miteinander über das Gehörte diskutieren können. LovelyBooks arbeitet mit über 130 Buchverlagen und 2000 Autoren zusammen.

Die Buchblogger hingegen werden wie klassische Buchkritiker behandelt und mit Gratis-Buchexemplaren bedient. Der deutsche Webverlag EPIDU hat aus der Not der Verlage ein neues Businessmodell entwickelt. Auf der Website Bloggdeinbuch.de können sich sowohl Verlage anmelden, die Interesse an Buchbloggern haben, wie auch die Buchblogger selbst. Bloggdeinbuch.de bringt dann Blogger und Verlag zusammen, die Verlage erhalten die begehrten Rezensionen im Internet und die Blogger Gratis-Buchexemplare, die sie in ihren Blogs besprechen können.