Prinzessinnen, Könige und Drachen auf dem Prüfstand

Zwei Forscherinnen haben es gewagt: Sie sind tief hineingestiegen in die Welt der märchenhaften Königstöchter und Bösewichte. Sie sind der Frage auf den Grund gegangen: Was wollen uns die Geschichten eigentlich sagen?

    • 1.
      Die Welt der Märchen: «Tausendundeine Nacht»
      Die List, die sich Scheherazade ausdenkt, ist einfach: Sie will so mitreissend erzählen, dass der Sultan unbedingt die Fortsetzung hören will und sie am Leben lässt. Das gelingt – Scheherazade bleibt am Leben, und der Sultan wird von seiner Eifersucht geheilt. Ihn sprechen die elementaren menschlichen Themen unvermittelt an. Und so öffnet er sich, auch dank ihrer Erzählkunst, der Welt der Märchen 1001 Nächte lang.
    • 2.
    • 3.
      Hexen: «Baba-Jaga»
      Märchen sind häufig Utopien eines besseren Lebens, und sie zeigen, wie man zu diesem besseren Leben kommt. Kein gutes Leben findet die Hexe Baba-Jaga: Getrieben von massloser Gier, will sie das Mädchen unbedingt einfangen und für sich haben. Dabei überschätzt sie sich und nimmt ein böses Ende. In anderen Märchen haben Hexen auch positive Eigenschaften. Fest steht: Sie sind komplexe, widersprüchliche Gestalten.
    • 4.
      Bösewichte und Mörder: «Blaubart»
      Unheimlich ist der blaue Bart dem Mädchen von Anfang an. Es fürchtet sich, ist aber klug genug, seine Brüder um Hilfe zu bitten. Am Ende stechen die Brüder Blaubart nieder. Das Mädchen überlebt, deckt Blaubarts Frauenmorde auf, weil es mit dem goldenen Schlüssel die verbotene Kammer geöffnet hat. Was bleibt, ist Blaubarts Schuld: Das Symbol dafür ist das Blut am Schlüssel, das sich partout nicht abwischen lässt.
    • 5.
      Drachen und Drachentöter: «Die Prinzessin auf der Flammenburg»
      Die Hindernisse, hinter denen sich der Drache mit der Königstochter verbarrikadiert, sind eigentlich unüberwindbar: ein Gebirge, ein Meer und eine Flammenburg. Und der Drache ist das Angstsymbol schlechthin. Dagegen kämpfen der Knabe und sein Helfer, der Stier, und reüssieren. In aller Regel haben Drachentöter keine Helfer. Doch dieses Märchen zeigt, dass auch zögerliche Menschen beinahe Unmögliches vollbringen können.
    • 6.
      Dumme und Schlaue: «Die klugen Leute»
      Wenn jemand im Märchen klug ist, so ist er meist auch warmherzig und geht kreativ mit seinen Gaben um. Das trifft für den Bauern und den Viehhändler in «Die klugen Leute» nicht zu, weshalb man besser von einem Märchenschwank spricht. Die beiden übertölpeln ihre Mitmenschen und nutzen deren Einfalt schamlos aus. Der Leser konzentriert sich auf diese Einfalt und fühlt sich überlegen, weil er weiss: Zu viel Zutrauen schadet.

Die Märchen wurden analysiert von zwei prominenten Märchen-Forscherinnen: Verena Kast und Ingrid Tomkowiak. Verena Kast ist Psychoanalytikerin jungscher Richtung und war viele Jahre Professorin für Psychologie an der Universität Zürich. Ingrid Tomkowiak ist Professorin für populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich mit einem Schwerpunkt in Kinder- und Jugendmedien.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 2. bis 9. 12., jeweils um 7:10 Uhr.

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