Man muss sich einmischen – zum Tod von Walter Jens

Er galt als moralische Instanz und prägte die Streitkultur der Bundesrepublik: Walter Jens ist nach langer Krankheit gestorben. Der «Redner der Nation» wurde 90 Jahre alt. Jens war seit längerem demenzkrank, konnte seit Jahren nicht mehr reden und schreiben.

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Walter Jens gestorben

1:22 min, aus Tagesschau vom 10.6.2013
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Kurzbiographie

Der Altphilologe Walter Jens (geb. 8. März 1923 in Hamburg) hatte 1950 seinen Durchbruch als Schriftsteller mit dem Roman «Nein. Die Welt der Angeklagten». Das Mitglied der legendären «Gruppe 47» wird 1989 Präsident der Berliner Akademie der Künste. 2006 zog er sich wegen seiner Demenzerkrankung aus der Öffentlichkeit zurück.

Jens war Philologe, Autor, Kulturpolitiker, Schöngeist, Mitglied der «Gruppe 47» und Rhetorikprofessor und stand für eine lustvolle Streitkultur in Deutschland ab Mitte der 60er Jahre. Von da an hatte wortgewaltige Rhetorik in Deutschland nur noch einen Namen und der hiess: Jens.

Tübingen, die Stadt seiner Lehre, wurde von 1963 bis 1988 zur Hochburg der stilvoll-schöngeistigen aber immer treffsicheren Auseinandersetzung: Jens hatte den ersten Lehrstuhl für «Allgemeine Rhetorik» an der Eberhard-Karls-Universität-Tübingen inne.

Kämpferischer Wächter der Demokratie

Der rhetorische Kampf wurde durch Jens zur Kunstform erhoben. Wenn es bis dahin nur um Sieg und Niederlage im Rededuell ging, ging es ab Jens umso mehr um die Art und Weise. Deutschland wurde durch ihn vielleicht ein wenig französischer, das teutonische Schwert wurde durchs Florett ersetzt.

Walter und Inge Jens. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit seiner Frau Inge schrieb Jens u.a. den viel beachteten Roman «Frau Thomas Mann». Keystone

Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik präsidierte von 1989 bis 1997 die Berliner Akademie der Künste, er veröffentlichte, hielt Vorträge, hat neben aller Hochgeistigkeit nie einen Hehl aus seiner Vorliebe fürs Männerspiel schlechthin gemacht. Es ist über Jahrzehnte das Symbol gewesen für mehr Toleranz in Debatten, auch in engagiert geführten, auch in politischen.

Moralische Instanz mit NSDAP-Mitgliedschaft

Er galt vielen als moralische Instanz, als engagiert, als radikaler Demokrat, gläubiger Christ, er war ein Künstler, der sich einmischte und dies nicht nur als Möglichkeit sondern als Pflicht ansah. Wenn Jens in einem Sinne unterwegs war, dann in dem der Aufklärung.

Als bei ausgerechnet ihm 2003 seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde, bestürzte das. Angesprochen darauf, erinnerte er sich nicht. Genaueres hat man von ihm nie erfahren.

Bis Jahre später, 2008, kurz vor seinem 85. Geburtstag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein Artikel seines Sohnes Tilman Jens erscheint: «Walter Jens, mein Vater, ist dement.»

Vaters Vergessen

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Jens ist an Mikro-Angiopathie erkrankt. Seine Frau Inge beschreibt die Auswirkungen: «eine Gefässerkrankung, die auch das Gehirn ergriffen hat und dort Ausfälle provoziert. Mein Mann ist fast vollständig in seiner eigenen Welt versunken, kann weder lesen noch schreiben noch so sprechen und formulieren, dass man Zusammenhänge verstehen und nachvollziehen könnte. Kommunikation auf der rationalen Ebene ist nicht mehr möglich. Sehr wohl hingegen auf der emotionalen, und in dieser Hinsicht versuchen wir, ihn gut zu versorgen.»

Die Sprache versiegt

Tilman Jens wird in der Folgezeit vorgeworfen, einen «Nachruf zu Lebzeiten» veröffentlicht zu haben, ja gar «Vatermord» zu begehen. Tilman Jens weist dies von sich, sein Vater sei Zeit seines Lebens ein öffentlicher Mensch gewesen, die Öffentlichkeit habe sozusagen ein Recht, auch von der Krankheit zu erfahren: «Demenz ist weder ein Tabu noch eine Schande. Subjektiv geht es meinem Vater etwas besser, weil er den Prozess des Verstummens, des Ausblendens, des Auslöschens nicht mehr mitbekommt. Mein Vater weiss heute nicht mehr, wer er ist. Sein Gedächtnis ist taub, die Sprache versiegt.»

Sein Sohn Tilman Jens, Journalist, Autor und Filmemacher vermutete einen Zusammenhang zwischen dem unvermuteten Bekanntwerden der Mitgliedschaft des Vaters und dem genauso unvermuteten Ausbruch der Krankheit. In einem «3sat kulturzeit»-Interview im März 2008 erklärte Tilman Jens, sein Vater sei nie ein glühender Nazi gewesen, er sei Mitglied des «Nationalsozialistischen Studentenbundes» gewesen und habe die Chance verpasst, darüber zu reden. Am Schluss habe er nicht mehr die Kraft gehabt und habe in seiner ihm eigenen Art, für die er bekannt war, gesagt: «Dann verstumme ich». Insofern sei da ein Zusammenhang, so der Sohn, dass das Bekanntwerden seiner Mitgliedschaft den Ausbruch der Krankheit befördert habe.

Und schön ist es doch

Seit dem Ausbruch der Demenz im Herbst 2003 hat Walter Jens mit dieser Krankheit gehadert, sein Sohn beschrieb dies im Interview: «Er hat immer wieder gesagt, ‹ich will sterben, ihr habt es mir versprochen, wenn es ernst wird, helft ihr mir, in den Tod in den Freitod zu gehen›. Und dann sassen wir da im Januar 2006, der Tannenbaum stand noch in der Ecke und er sagte: ‹Jetzt ist es Zeit, ich will gehen›. Und ich sagte: ‹Na gut. Sollen wir dir wirklich helfen?› ‹Ja›, sagte er. Pause. Er guckt uns, meine Mutter und mich an, und sagt: ‹Aber schön war's doch. Und schön ist es doch.› »

Sein Sohn Tilman und seine Frau Inge gingen an die Öffentlichkeit, um sehr offen über die Demenzerkrankung zu sprechen, um zu sensibilisieren und ungeschönt von einem langen Abschied von einem Menschen zu erzählen, der nicht mehr der ist, den man gekannt und geliebt hat.

Nun gab Tilman bekannt, dass sein Vater am Sonntag im Alter von 90 Jahren verstorben ist.

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