Manuel Stahlberger zeigt die Abgründe hinter dem Alltäglichen

Im Buch des Sankt Galler Kabarettisten, Musikers und Grafikers ist das Alltägliche nur scheinbar vertraut: Manuel Stahlberger bringt Chaos in die Ordnung der Dinge.

Eine winzig kleine Piktogramm-Figur schwimmt in einem Meer, das gezeichnet ist mit stilisierten, wohlgeordneten Wellenlinien. Auf einen Blick haben wir so die übersichtliche, grafisch minimalisierte Piktogrammwelt und die entsetzliche Einsamkeit des Schwimmers im uferlosen Wasser. Schon dieser Buchtitel von «Zeug» enthüllt Manuel Stahlbergers anarchistischen Humor.

Das Grauen der Schweizer Lebensnormalität

Manuel Stahlberger kauert in einem Karton Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Manuel Stahlberger zeigt die Dinge aus einer ungewohnten Perspektive. Adrian Elsener

Scharfe Kontraste sind die Leidenschaft dieses Sankt Galler Musikers, Zeichners und Kabarettisten. Einem grösseren Publikum wurde er bekannt durch die skurrilen Auftritte in der Satire-Sendung «Giacobbo/Müller», im Duo «Stahlbergerheuss». Zu einer Grösse in der Schweizer Mundartmusikszene wurde er mit der Band «Stahlberger». Auf bereits zwei CDs besingt er den Aberwitz, manchmal das Grauen, das zur heutigen Schweizer Lebensnormalität gehört, in Liedern wie «Rägebogesidlig», «Klimawandel» oder «Heimat».

Immer lauert bei Manuel Stahlberger hinter der Fassade des Gewöhnlichen der Abgrund. Dünn ist das Eis, auf dem wir durch unseren Alltag schlittern. Auch in seinem Soloprogramm «Innerorts», mit welchem er 2013 die Schweizer Kleinkunstbühnen bespielte, erzählt er vom ganz normalen Wahnsinn um uns herum: Von Herrn Anderegg zum Beispiel, der sich gesprengt hat.

Der Quartierspielplatz ist jetzt ein Krater, heisst es da. Niemand hätte das gedacht, er war doch immer dabei bei der Quartierfasnacht, bei der Quartierweihnacht, beim Quartierkreuzworträtseln, beim Quartiersichzuhören. Rund 20 immer absurdere Quartierereignisse zählt Stahlberger auf und es wird eng und enger – und plötzlich ahnt man das Elend des Herrn Anderegg, der sich gesprengt hat.

Chaos nach Plan

Stahlbergers Buch mit dem Titel «Zeug» enthält grösstenteils sein Soloprogramm «Innerorts». Nebst Liedern sind das Bildgeschichten, Piktogramme, Wappen und Pläne. Da ist etwa die Vertrautheit einer Lego-Bauanleitung: Dieselben 32 Legosteine ergeben einmal ein Büro, einmal ein Flugzeug – und einmal ein heilloses Chaos. Aber jedes Resultat ist Schritt für Schritt nach Plan zusammengesteckt.

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Buchhinweis

Manuel Stahlberger: «Zeug», Der gesunde Menschenversand, 2013.

Oder seine Sammlung von Nummernzetteln, die er auf der Post gezogen hat, wo diese Zettel die Warteschlangen ersetzt haben. Im Buch sind diese Zettel über endlose Seiten hinweg abgebildet, geordnet nach Datum und nach Zahl. Bei Live-Auftritten bietet Stahlberger seine Doubletten auch zum Tausch an. Das mag Kopfschütteln provozieren, aber solche Zettel sind die Realitäten, aus denen unser Alltag gestrickt ist. Stahlberger erinnert uns damit an die ritualisierten täglichen Handlungen, die wir unbewusst und automatisch abspulen.

Vorsicht, fallende Tasse!

Bei den Piktogrammen, die im Buch zu finden sind, läuft alles aus dem Ruder: Auf dem Schwimmbadzeichen – als Piktogramm Wellenlinien und eine schwimmende Figur – fällt eine übergrosse Tasse auf den Schwimmer. Später ist es ein fallender Telefonhörer. Später krault der Schwimmer dann durch die Tasse. Es braucht nur leichte Verschiebungen und das Vertraute wird bedrohlich.

«Piktogramme haben genau einen Zweck: zu orientieren. Bei Stahlberger verlieren sie genau diesen Zweck und bekommen einen neuen: Sie irritieren, infiltrieren, ironisieren, desinformieren», schreibt Peter Surber im Begleittext. Natürlich ist das lustig, und wie! Aber das Lachen bleibt doch verhalten – zu sehr sind wir betroffen davon, wie einfach Stahlberger an unserer schönen Oberfläche kratzen kann.

Unscheinbar und treffsicher

«Zeug» ist ein untertreibender Titel für dieses Buch. Denn mit «Zeug» bezeichnet man allerlei Belangloses. Stahlberger steigt mit seinem Zeug aber aus der Belanglosigkeit heraus, unscheinbar, aber treffsicher und mit bewundernswerter Leichtigkeit.

Mit anarchistischem Humor zerlegt er in seinen Geschichten und Bildern vertraute Ordnungen – zum Beispiel wenn er die Kantonswappen abändert. Die Wölbungen des Baselbieter «Siebedupfs» greifen dann auf den Uri-Stier über und sehen dort aus wie Masern, im Zugerwappen dafür wie ein romantischer Sonnenuntergang. Wir sind dankbar, dass uns Stahlberger trotz all dem Abgründigen noch lachen lässt.