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Marieke Lucas Rijneveld. Mein kleines Prachttier
Aus Kultur-Aktualität vom 30.09.2021.
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Marieke Lucas Rijneveld Eine Amour fou an der Grenze des Zumutbaren

Marieke Lucas Rijneveld treibt der Literatur jede Harmlosigkeit aus. Liebe macht man bei ihr mit dem Seziermesser. Der neue Roman «Mein kleines Prachttier» der niederländischen Überfliegerin.

Die 30-jährige Holländerin Marieke Lucas Rijneveld fliegt gerade allen davon. Vor einem Jahr hat sie als jüngste Autorin gleich den prestigereichen International Booker-Preis abgeräumt für ihren Debütroman «Was man sät».

Nun ist ihr zweiter Roman «Mein kleines Prachttier» erschienen. Darin überfliegt sie alle Arten von Grenzen, an denen die Literatur lange kaum vorbeikam. Auch Geschlechtergrenzen.

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Über Rijnvalds Erstling «Was man säht»
19:59 min, aus Kontext vom 27.11.2019.
abspielen. Laufzeit 19:59 Minuten.

Rijneveld identifiziert sich mit dem weiblichen und männlichen Geschlecht. Ebenso kann und will sich die 14-jährige Hauptfigur ihres neuen Buches nicht entscheiden zwischen Mädchen und Junge.

Fatale Amour fou

Die Bauerntochter lernt einen Tierarzt kennen, der sie sein «Prachttier» nennt. Er ist ein viel zu alter Romeo, sie eine viel zu junge Julia auf dem Lande. Er hat eine Familie und Söhne im Alter seiner «Auserkorenen».

Es entwickelt sich eine fatale Amour fou. Das Mädchen sucht Geborgenheit. Der Arzt gibt vor, ihr zu helfen bei ihrer Suche nach dem Platz im Leben, nutzt den Teenager aber vor allem aus, der noch kaum weiss, wer er ist und was er sein will.

Legende: Marieke Lucas Rijneveld hinterfragt schon in «Was man sät» unsere innersten Gewissheiten. Keystone / Jeroen Jumelet

Aufgezwungene Identität

Das Buch liest sich wie eine Beichte des Tierarztes: Er wendet sich in ekstatischer Du-Form an seine «himmlische» Auserwählte.

«Ich würde dir den Unterschied zwischen einem Mädchen und einem Jungen schon beibringen», sagt er zu ihr. Und diese Drohung macht er wahr. Er missbraucht nicht nur ihre nonbinären Fantasien, er missbraucht sie sexuell.

Die Geschichte spielt in der Gegend des sogenannten holländischen Bibelgürtels, wo auch Rijneveld auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.

Anfangs lässt sich die Beichte noch lesen als leidenschaftliche Rebellion gegen einen streng religiösen, fantasietötenden Lebensalltag, aber bald führt uns die Autorin mit voller Absicht an die Grenzen des Zumutbaren.

Freigelegt werden

Gebannt schaut das Mädchen zu, wie der Tierarzt einem Otter den Penis abschneidet, und plötzlich legt sie sich selbst auf den OP-Tisch und sagt: «Sezier mich!» Als der Mann zögert, reisst sie ihm das Seziermesser aus der Hand und zieht eine tiefe Linie in ihr Bein.

Sie sagt, sie wolle «freigelegt» werden. Vielleicht glaubt sie, so zu erfahren, wer sie im Innersten ist. Für den Tierarzt wird sie dadurch noch mehr zum Objekt der Begierde.

Buchhinweis

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Marieke Lucas Rijneveld: «Mein kleines Prachttier». Suhrkamp, 2021. Deutsch von Helga van Beuningen.

Da er erzählt, könnte die Szene aber auch nur eine seiner bizarren, zerstörerischen Wunschfantasien sein, die er für Liebe hält.

Unerbittliche Literatur

Marieke Lucas Rijneveld mag es, uns in gefährlich abgründige Zonen zu führen. Literatur muss für sie unerbittlich sein.

Dabei besteht die Wucht ihrer Sprache darin, dass sie über unglaubliche Bild- und Klangwelten verfügt und doch fast unschuldig von Schrecklichem erzählen kann.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 30.9.2021, 17:10 Uhr.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von markus kohler  (nonickname)
    Wie absurd die ganze Szene der LGBT und #BLM Kunstszene ist, zu der sie gehört, zeigt das Beispiel Amanda Gorman. Rijneveld sollte ein Gedicht von Gorman übersetzen, durfte das aber nicht, da sie als weisse Person keine Texte von PoC kulturell erfassen könne.
    Das heisst aber auch nur eine Non binäre Person darf ihr Buch beurteilen. Ergo ich nicht und wohl die Autorin des Textes auch nicht. SRF müsste also für jede der 63 Gendervarianten jeweils ein/eine oder wie auch immer Expert*in haben.
    1. Antwort von Werner Koch  (Spaziergänger und Räuber)
      Guten Tag,
      das Buch handelt gemäss der Rezension von der Suche nach dem Selbst einer Person. Das Aufschneiden wird wohl, ich habe das Buch noch nicht gelesen, tragisch enden und trotzdem keine Klärung bringen. Fragen zu Gefühlen oder Befindlichkeiten können nicht aus dem Fleisch heraus seziert werden und können auch sonst nicht von aussen, von einem selbst oder von Dritten, erfasst werden.
      Die Einschätzung des Rezensenten bringt das gut zum Ausdruck.
      Mit freundlichen Grüssen, Werner Koch