Meine Buchmesse: Limousinen, Sicherheitskräfte und viel Trara

Ein «bevor die Frankfurter Buchmesse losgeht», das gibt's gar nicht. Denn die Messe ist schon losgegangen, bevor sie losgeht. Ganz nach dem Motto: Viel Lärm um nichts. Wäre da nicht der Schrifttsteller Luiz Ruffato gewesen, der was zu sagen hatte und stehende Ovationen erntete.

Limousinen, Absperrungen und Sicherheitskräfte vor dem Start der Buchmesse Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn die Offiziellen kommen, sind die Sicherheitskräfte und Absperrungen nicht fern. SRF

Dienstag, 8. Oktober 2013: Schon bevor es morgen losgeht, wurde heute die 65. Frankfurter Buchmesse, für Insider «die Messe», mit Trara eröffnet.

Trara, das heisst sorgfältige Personen- und Taschenkontrolle von nicht allzu freundlichen Sicherheitsbeamtinnen und -beamten.

Trara, das heisst viele schwarze Limousinen am Nebeneingang der Messe. Trara, das heisst zahlreiche Polizisten und Bodyguards, die auf den Direktor der Frankfurter Buchmesse, und natürlich auch auf den deutschen Aussenminister ein Auge (oder zwei) haben.

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«Meine Frankfurter Buchmesse»

Literaturredaktor Michael Luisier berichtet für SRF von der Frankfurter Buchmesse. Zusätzlich zu seinen Berichten schreibt er jeden Tag einen Tagebucheintrag «Meine Buchmesse»: Beobachtungen an der Messe, über das wirkliche Leben drumherum, die grosse Wetterlage und die kleinen Sorgen.

Trara, das heisst viele Redner, lange Begrüssungen, knappe zwei Stunden Redezeit. Kurz: Viel Tamtam.

Schlicht ergreifend: Luiz Ruffato

Ausnahme und Höhepunkt dieses Abends der Selbstbeweihräucherung war die Rede des brasilianischen Schriftstellers Luiz Ruffato. Ruffato selbst brauchte kein Trara, denn was er zu sagen hatte, war schlicht und ergreifend: Er pries sein Heimatland in allen Schattenseiten, die wir beim Gedanken an die Sonnenseiten Brasiliens (Caipirinha, weisse Strände, schöne Frauen) gern vergessen.

Ein «paradoxes Land» nannte Luiz Ruffato seine Heimat. Auf der einen Seite die Lebensfreude der Menschen, der Fussball oder der Tanz Capoeira, auf der anderen Seite Gewalt, Kinderprostitution oder Drogenkartelle. Er rief in Erinnerung, dass in seiner Heimat Lesen Herrschaftswissen bedeute – und Herrschaft ist hier buchstäblich zu verstehen –, weil immer noch nur einige wenige Privilegierte lesen lernen.

Endlich hat einer was zu sagen

Er erzählte, wie er als Sohn von ungebildeten Analphabeten das grosse Glück im Lesen gefunden habe. Und er bekannte, dass er schreibe, um die Gesellschaft (die Gesellschaft, in der er lebe) ein wenig besser zu machen. Und so skizzierte der Schriftsteller in wenigen Zügen, wie Lesen das Leben im Grossen und im Kleinen verändern könne – und erntete (zu Recht) stehende Ovationen.

Hat die Literatur also wieder einmal alles gerettet. Diesen Abend zumindest schon... Morgen geht es dann richtig los. Da öffnet die Messe Tür und Tor und mausert sich wie jedes Jahr zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Über Brasilien oder Literatur wird dann keiner mehr ein Wort verlieren.

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