Mit «Hauptmann Schneewittchen» in Nordkorea

Willy Ludwig war in den 1950er-Jahren als Hauptmann der Schweizer Armee in Nordkorea stationiert. Sein Sohn, der Berner Autor Daniel Ludwig, ist auf den Spuren seines Vaters durch Nord- und Südkorea gereist. Aus seinen Eindrücken ist ein spannender, dokumentarischer Roman entstanden.

Daniel Ludwig ist nach Nord- und Südkorea gereist, um das zu sehen, was vor sechzig Jahren auch schon sein Vater gesehen hat. Beispielsweise Hungnam, eine nordkoreanische Hafenstadt am Japanischen Meer. Dort war sein Vater sechs Wochen lang in den Jahren 1953 und 1954 während eines eisigen Winters im Dienste der NNSC – der Neutral Nations Supervisory Commission – stationiert. Die NNSC ist die erste friedensfördernde Mission der Schweizer Armee. Sie hat bis heute zur Aufgabe das Waffenstillstandsabkommen zwischen Nord- und Südkorea zu überwachen.

Mitten in den Kalten Krieg

Aus dieser Zeit gibt es viel Archivmaterial über den Einsatz seines Vaters, erzählt der Berner Autor im Gespräch. Unter anderem auch ein Bild, das sein Vater aus dem Fenster seiner Baracke im Liberation Park auf genommen hat. Es zeigt eine Düngerfabrik, die im Krieg ein Munitionslager gewesen ist. Diese Fabrik habe er unbedingt mit eigenen Augen sehen wollen.

Leider aber ist aus diesem Vorhaben nichts geworden. Denn ein Taifun hat den Reisezeitplan durcheinander gebracht, so dass ein Besuch nicht möglich war. Dennoch hat die Reise nach Nordkorea Daniel Ludwig inspiriert. Aus seinen Eindrücken ist ein gut recherchierter Roman geworden, der faktenreich beschreibt, wie sein Vater 1953 in Korea mitten in den Kalten Krieg geworfen wird. Doch mit der Unterstützung eines erfahrenen Majors findet sich «Hauptmann Schneewittchen» – den Übernamen haben ihm einst seine Soldaten während dem 2. Weltkrieg gegeben – in Korea schnell zurecht.

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Buchhinweis:

Daniel Ludwig: «Hauptmann Schneewittchen». Lokwort Verlag Bern, 2015.

Frustrierender Militäralltag

Er lernt, sich gegenüber den anderen Delegationsmitgliedern der NNSC durchzusetzen, insbesondere gegenüber den in diplomatischen Angelegenheiten erfahrenen und daher sehr arrogant auftretenden Schweden. Doch die Kontrollarbeiten sind unbefriedigend. In Südkorea gibt es nichts zu kontrollieren und die Nordkoreaner lassen nichts kontrollieren. Dabei wäre genau das die Aufgabe der NNSC gewesen. Was über diesen frustrierenden Militäralltag hinweghilft, das ist Alkohol. Ein unrühmliches Kapitel aus der Anfangszeit der Mission.

Daniel Ludwig gelingt es mit «Hauptmann Schneewittchen» einen dokumentarischen Roman zu schaffen, der gekonnt in der Vater-Figur das Weltgeschehen spiegelt und dabei die Geburtsstunde der Schweizer Friedensförderung in den Fokus nimmt. Und das macht Daniel Ludwigs Roman lesenswert.

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