«Mittagstisch»: Ingrid Noll serviert leicht bekömmliche Krimikost

In ihrem neusten Roman «Mittagstisch» erzählt Ingrid Noll von einer alleinerziehenden Mutter, die in ihrem Daheim eine bunte Gästeschar gegen Bezahlung zu Tisch bittet – nicht jeder übersteht das Mahl schadlos. Eine muntere, skurrile Geschichte mit Schalk und schwarzem Humor.

Schwarz-Weiss-Porträt von Ingrid Noll mit gestreiftem Shirt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der knapp 80 Jahre alten Grande Dame des deutschen Kriminalromans ist ein Stück perfekter Unterhaltung gelungen. Diogenes Verlag/Renate Barth

Wilde Schiessereien, halsbrecherische Verfolgungsjagden und herumspritzendes Blut sind noch nie Ingrid Nolls Sache gewesen. Auch dieses Mal nicht. Rund ein Dutzend Kriminalromane hat die deutsche Erfolgsautorin bisher geschrieben, und stets geht es darin eher ruhig zu und her. Im Zentrum stehen Menschen wie du und ich, die oft aufgrund ungünstiger Konstellationen zu Verbrechern werden – so auch in der neusten Kreation aus der Nollschen Krimiküche.

Beizen ohne amtliche Bewilligung

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Buchhinweis

Ingrid Noll: «Mittagstisch», Diogenes Verlag, 2015.

«Mittagstisch» erzählt die Geschichte einer Frau. Nelly ist Mitte 30, Mutter zweier Kinder – und ihr Partner hat sie verlassen. Eigentlich hat die nunmehr alleinerziehende Mutter nur ein einziges Talent: Sie kann kochen. Hinzu kommt, dass sie ein grosses Haus geerbt hat. Die Kombination von Talent und Erbe erweist sich als ihre Chance: Nelly gründet einen Mittagstisch.

Sie holt sich über Mittag Gäste ins Haus, die sie – für gutes Geld – bekocht. Die innovative Geschäftsidee hat allerdings einen Pferdefuss: Das kleine Gastrounternehmen hat keine amtliche Bewilligung. Dieses Manko wird im Laufe des Romans fatale Folgen haben.

Eine Intrigantin stiftet Unruhe

Vorerst deutet jedoch nichts auf eine Gefahr hin. Der Mittagstisch entwickelt sich erfreulich. Täglich trudelt eine bunte Schar unterschiedlichster Gäste ein: Lehrerinnen und Lehrer, Handwerker, ein pensionierter Hochseekapitän. Schon bald fühlt man sich als grosse Familie.

Nur eine Dame in der Runde schert aus: Sie intrigiert gegen andere Mitglieder der Runde. Das tut sie mit einer derartigen Bösartigkeit und Niedertracht, dass sie die Runde verlassen muss. Ihrem fiesen Charakter entsprechend will die Verstossene diese Demütigung aber nicht auf sich sitzen lassen. Sie droht, die illegale Gaststube auffliegen zu lassen.

Mord aus Not

Nelly gerät in Panik. Ihre Existenz steht auf dem Spiel – und sie reagiert mit einem raffinierten Mordanschlag auf die gefährliche Intrigantin. Nun nimmt der Roman an Fahrt auf, und die Handlung wird vielschichtiger. Gangster klopfen an die Türe. Die Vergangenheit holt Nelly ein. Um ein Haar werden Nellys Kinder entführt. Parallel dazu entwickelt sich eine Liebesgeschichte. Sie ist – wie wäre es anders möglich? – verzwickt und kompliziert.

Ingrid Noll hat für «Mittagstisch» auf ihre bewährte Krimirezeptur zurückgegriffen: Das Buch erzählt in einer eingängigen Sprache und in angenehmem Tempo eine sowohl amüsante als auch spannende Kriminalgeschichte.

Für das gewisse Etwas sorgen der Schalk, den Noll bei der Beschreibung ihrer oft schrägen Figuren immer wieder durchscheinen lässt und der schwarze Humor, mit dem die Autorin operiert. Diese Mixtur macht «Mittagstisch» zu einer leicht bekömmlichen und vergnüglichen Lektüre ohne Anspruch auf grösseren Tiefgang.

Sendung: Radio SRF 1, Kultur Aktualität, 27.08.2015, 14:15 Uhr.