Mundart ist die Sprache von Hier und Heute

Seine Geschichten schreibt Guy Krneta ausschliesslich auf Mundart. Schriftart ist Lesedeutsch, erst die Mundart holt einen ins Hier und Jetzt, sagt der Hörspiel-Autor. Er liebe es, mit dieser Sprache zu spielen, die Authentizität vorgibt und deshalb erst unglaubliche Behauptungen erlaube.

Eine Tafel vollgeschrieben mit Mundart-Ausdrücken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mundart mache Fremdes vertraut und verleihe eine gewisse Authentizität, sagt der Hörspiel-Autor Krneta. Keystone

Als ich vor über 30 Jahren begann, Texte in Mundart zu schreiben, wollte ich niemanden ausschliessen. Ich wollte auch niemanden damit adeln. Es ging mir einfach darum, übers Hier und Heute reden zu können. Und es kam mir aufgesetzt vor, dies in einer Sprache zu tun, die nicht die Sprache des Hier und Heute ist.

Bald merkte ich, dass mir meine Alltags-, Erinnerungs- und Kindersprache andere Assoziationsräume aufmachte, als das der Fall beim Schreiben in meiner gewohnten Schriftsprache ist. Diese erinnerte mich ans Lesen, denn in erster Linie ist das Schriftdeutsche ja ein Lesedeutsch – aber in jener hörte ich vertraute Menschen sprechen.

Ein In-Frage-Stellen der Sprache

Und ich hörte nicht nur die Menschen, sondern die Sprache selbst. Ich schrieb vertraute Wörter und Wendungen auf, die mir beim Schreiben fremd und fragwürdig wurden. Das Schreiben in Mundart ist, da es keine verbindliche Schriftsprache gibt, auch ein dauerndes In-Frage-Stellen der Sprache: Heisst es wirklich so? Warum heisst es so? Wie kann man das aufschreiben?

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Der Autor

Porträt von Guy Krneta.

Dominique Uldry

1964 in Bern geboren, lebt Guy Krneta heute in Basel. Nach Studien der Theaterwissenschaft in Wien und der Medizin in Bern ginge er 1986 ans Theater, wurde Regieassistent am Stadttheater Bern und am Theater Basel, war u.a. Co-Leiter des Theaterfestivals «auawirleben» und Dramaturg beim Theater Marie in Aarau. Seit 2002 arbeitet er als freier Autor.

Mit der Zeit begann ich, Geschichten, die ich mir Schriftdeutsch notiert hatte, auf Mundart zu übersetzen. Dabei veränderten sich die Geschichten. Sie bekamen einen anderen Charakter, nahmen einen anderen Verlauf. Konstruiertes konnte ich besser vertuschen, Erfundenes «authentisieren».

Mundart macht Fremdes vertraut

Dieses Spiel machte mir Spass. Etliche meiner Geschichten leben davon, dass sie sich aus einer scheinbaren Vertrautheit in befremdliche Situationen schrauben. Die angeblich authentische Sprache ermöglicht unglaubliche Behauptungen und wird selber durch den Verlauf der Geschichte unglaublich.

Die Unmittelbarkeit bleibt erhalten

Und noch etwas entdeckte ich: Beim Schreiben in Mundart kann ich die Sprache stark formalisieren, ohne dass sie deswegen an Unmittelbarkeit verlieren würde. Ich habe beispielsweise in einem Stück sämtliche Dialoge auf ihren absolut notwendigen Informationsgehalt hin zusammengestrichen. Der Dialog in seiner Wortkargheit erschien durchaus alltagstauglich. Auch das umgekehrte Experiment machte ich: Ich versuchte aus möglichst wenig Sprachmaterial durch Wiederholung und Variation einen möglichst langen Text zu bauen. Auch dies führte zu recht realistischen Ergebnissen.

Konjunktiv als Stilmittel

Zwei Texte – «Zmittst im Gjätt uss» (2003) und «Dr Madam ihre Mössiö» (2013) – schrieb ich konsequent im Konjunktiv, dritte Person Einzahl. In «Gjätt» wird erzählt, was ein Reiseführer angeblich alles «bestätigt». In «Madam / Mössiö» denunzieren sich die Figuren gegenseitig vor einem nicht anwesenden Dritten und nützen die verfremdende Sprachform, um sich Dinge an den Kopf zu werfen, die sie sich direkt kaum sagen würden.

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Nicole Salathé im Gespräch mit Guy Krneta

11 min, aus Kulturplatz vom 3.12.2008

Erstaunlich ist, wie schnell bei beiden Texten vergessen geht, wie künstlich die Sprachform eigentlich ist. In der Mundart scheint diese Form, der Konjunktiv, heimisch zu sein.

Ein anderer Weg in der Beschäftigung mit Mundart führte mich zur Recherche. Zunehmend begann ich Texte auf der Grundlage von Interviews und Tonaufnahmen zu schreiben. Ich transkribierte mündliche Äusserungen, zerlegte sie, setzte sie neu zusammen. Dabei interessierte mich weniger, was die Menschen sagen, sondern vielmehr wie sie es sagen. Die eigentlichen Geschichten schienen mir in der Art des Erzählens selber zu liegen.

Verschiedene «Sprachräume»

Die Sprache des Hier und Heute ist nicht mehr die Mundart, in der ich vor mehr als 30 Jahren zu schreiben begann. So wie wir Mundarten geografisch recht genau lokalisieren können, hören wir ihnen an, ob sie von 1960, 1990 oder 2020 stammen.

Keine Sprachen verändern sich so rasch wie die gesprochenen. Wir leben nicht mehr in einem Sprachraum, sondern in mehreren Sprachräumen gleichzeitig. In einem Schulzimmer sind mindestens zehn Mutter- und Vatersprachen vorhanden. Dass darin die Mundart – wenigstens in der Deutschschweiz – eine Art gemeinsamer Nenner ist, ist bemerkenswert.

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