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Mysterium Mitmensch Roman «Casino»: Ist der Familienvater ein Mörder?

Cihan Acar erzählt in seinem neusten Buch von einem grässlichen Verdacht – und seziert dabei das Gift des Misstrauens.

Hat der Geschäftsmann Cumali Karagöz – kurz Cuma – vor ein paar Jahren seinen ehemaligen Chef und dessen Ehefrau ermordet? Ein Motiv hätte er gehabt: Das Opfer hatte ihn entlassen. Damals stand der Vorwurf im Raum, Cuma habe in der Firma über zehntausend Euro gestohlen. Was sich nie beweisen liess.

Ebenso wenig wie Cumas Täterschaft im späteren Mordfall. Das Gericht sprach ihn frei – aus Mangel an Beweisen. Inzwischen ist Cuma in der süddeutschen Kleinstadt, in der er lebt, ein erfolgreicher Casinobetreiber. Doch die Ungewissheit um das Verbrechen blieb an ihm kleben, bis in die Gegenwart, in welcher der Roman spielt.

Nicht überführt, aber schuldig

Für viele in der Stadt gilt Cuma als Täter. Die Zweifel an seiner Unschuld fressen sich zunehmend auch in dessen Familie: Ehefrau Hannah und die beiden erwachsenen Kinder schwanken zwischen Loyalität und stillem Zweifel. Könnte es sein, dass er nicht doch …? Sohn Ediz entwickelt Panikattacken. Tochter Zaha sucht die Distanz zur Familie.

Das Szenario des Romans ist fiktiv. Und doch wirkt es überzeugend real, wie der 40-jährige Autor und studierte Jurist Cihan Acar in knappen und anschaulichen Szenen ein faszinierendes Verwirrspiel von Lüge und Wahrheit entwickelt.

Wer ist Cihan Acar?

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Person mit dunklen Haaren vor einem dunkelgrauen und lila Hintergrund.
Legende: IMAGO / Zoonar

«Casino» ist der zweite Roman des 1986 geborenen deutsch-türkischen Schriftstellers und Journalisten. Acar studierte Rechtswissenschaften, arbeitete als Journalist und veröffentlichte Sachbücher über Hip-Hop und Fussball.

Für sein literarisches Debüt «Hawaii» (2020) erhielt Acar einige Aufmerksamkeit. Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Deutschtürken, dessen Karriere als Fussballprofi gescheitert ist. Cihan Acar lebt bei Heilbronn.

Etwa dann, wenn ein Unbekannter Cuma aus heiterem Himmel um Hilfe in einer dubiosen Angelegenheit bittet. Wie kommt der Mann dazu? Ist Cuma doch ein Mafia-Pate? Oder wenn Hannah, Cumas Ehefrau, im städtischen Freibad plötzlich von einer Unbekannten als «Mörderfrau» betitelt wird. Ist diese – zumindest auf den ersten Blick – verbale Entgleisung rein aus der Luft gegriffen?

Permanente Ungewissheit

«Casino» ist kein Krimi. Die wahre Urheberschaft des Mordes bleibt bis zum Schluss des Buchs im Dunkeln. Die Spannung entsteht in der Schilderung, wie sich der bleierne Verdacht mehr und mehr verselbständigt.

Buchhinweis

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Cihan Acar: «Casino». Hanser Berlin, 2026.

Hinzu kommt: Ganz offensichtlich eignet sich Cuma für viele für die Rolle des Täters. Der Mann mit türkischen Wurzeln vergrössert sein Imperium mit Casinos mehr und mehr, ist stinkreich und bewohnt mit seiner Familie eine protzige Villa mit Pool und Home-Kino. In einem zumindest latent rassistischen Verständnis muss so jemand doch ein Mafioso sein!

Wider die Mehrheit

Cuma weist den grässlichen Verdacht stets weit von sich. Und er versucht allen zu beweisen, dass er sich nicht kleinkriegen lässt: Unbeirrbar verfolgt er den Plan, sein Casino-Imperium mit einem gigantischen Glücksspiel-Tempel inmitten der Stadt zu krönen.

Wenn die Stadt «einen Bösewicht und den asozialen Türken» will, ruft er einmal trotzig aus, «soll sie ihn bekommen». Doch ist Cuma tatsächlich ein Opfer? «Casino» ist eine packende literarische Sozialstudie über die Erfahrung des Abseits, weil es da Gerüchte gibt.

Das Unausgesprochene, die ständige Unsicherheit darüber, was wahr ist und was blosse Zuschreibung und Unterstellung, verleiht dem Roman seine besondere Brisanz. Und macht ihn zu einem Leseerlebnis, das weit über die letzte Seite hinaus nachhallt.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 13.7.2026, 7:06 Uhr

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