Bücher über Mütter dominieren aktuell die SRF-Bestenliste und geben damit klar den Ton an. An der Spitze hält sich weiterhin Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» über die Beziehung zu seiner Mutter.
5. Lena Gorelik: «Alle meine Mütter» (14 Punkte)
«Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden», schreibt Lena Gorelik in ihrem neuen Buch «Alle meine Mütter». In mehreren, kaleidoskopartig arrangierten Erzählungen zeichnet sie Mutterfiguren ganz unterschiedlicher Art: Mütter, die abgetrieben haben. Mütter, die dement sind. Mütter mit beeinträchtigten Kindern. Mütter, die an Krebs erkranken. Mütter, die ihre Kinder im Krieg verlieren oder von ihrem Umfeld als «überfordert» abgestempelt werden. Mütter, die lieben, scheitern, zweifeln, stolpern.
Lena Gorelik richtet den Blick auf das, was (die meisten) Mütter tagtäglich leisten und aushalten. ‹Alle meine Mütter› ist ein zärtliches und warmherziges Buch. Für einmal keine Abrechnung.
4. Elias Hirschl: «Schleifen» (17 Punkte)
Franziska Denk hat ein Problem. Sie bekommt jede Krankheit, sobald sie deren Namen hört. Im Mathematiker Otto Mandl begegnet ihr ein Seelenverwandter. Sie lernen, sich mit Wörtern toter Sprache zu immunisieren. In seinem neuen Roman erkundet der Schriftsteller und Spoken-Word-Künstler Elias Hirschl das Thema «Sprache» auf jede nur erdenkliche Art. Gescheit, verblüffend und komisch.
Soll die Sprache abgeschafft werden?, fragt sich das Wissenschaftler-Ehepaar im Roman ‹Schleifen›. Bloss nicht, sage ich! Sonst gäbe es schliesslich diesen genialen, sprachvirtuosen Roman von Hirschl nicht.
3. Lilli Tollkien: «Mit beiden Händen den Himmel stützen» (21 Punkte)
Lale wächst in den 1980ern in einer Berliner Männerkommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Vor allem aber wird getrunken, gekifft, gekokst und gefeiert. Lale darf wach bleiben, solange sie will, Süssigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen (körperlichen) Grenzen immer wieder übertreten werden.
Ein Buch, bei dem für mich alles stimmt: Sprache, Plot, Zeichnung der Figuren, Entwicklung der Protagonistin und Cover.
2. Birgit Birnbacher: «Sie wollen uns erzählen» (25 Punkte)
Ozzy ist neun und hat ADHS. Er findet in der Schule keinen richtigen Platz, hat aber Begabungen und Fähigkeiten, mit denen er ein erfolgreiches Leben führen könnte. In ihrem vierten Roman stellt die österreichische Schriftstellerin die Frage, ob Betroffene als Problem gesehen werden müssen oder ob «Wildwuchs im Denken» angesichts der Probleme, auf die wir zusteuern, nicht auch eine Chance für alle ist.
Ein atemberaubender Ritt durch Gedanken- und Gefühlswelten, der zu Reflexion über Normen und Diagnosen einlädt. Tiefgründig und zugleich lustig.
1. Lukas Bärfuss: «Königin der Nacht» (71 Punkte)
In «Königin der Nacht» setzt sich Lukas Bärfuss mit seiner verstorbenen Mutter auseinander. Sie war bettelarm, vulgär, zynisch und lehnte ihren Sohn ab. Das Buch ist eine intensive Lektüre, weil es an Urmenschliches rührt und politischen Gesprächsstoff bietet: Bärfuss thematisiert den oft fragwürdigen Umgang der Schweiz mit mittellosen Menschen in der Vergangenheit.
Mit diesem Buch ist Lukas Bärfuss ein herausragendes Werk gelungen. Er lässt das Politische und das Private in seiner unverwechselbaren Sprache ineinanderfliessen.