Natalia Ginzburg – die literarische Familien-Analytikerin

Die italienische Autorin Natalia Ginzburg (1916 bis 1991) erzählte in ihren Büchern lakonisch, witzig und mit viel Feinsinn, wie Menschen miteinander umgehen. Anlässlich ihres 100. Geburtstags erinnert sich Verleger Michael Krüger an die verstorbene Grande Dame der italienischen Literatur.

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Bildlegende: Natalia Ginzburg untersuchte in ihren Werken Familienbeziehungen, Philosophie und Politik. imago/leemage

1983, als ihr letzter Roman «Die Stadt und das Haus» erschien, wurde Natalia Ginzburg als unabhängige Linke ins italienische Parlament gewählt. Sie haben sie in jener Zeit öfters besucht. Wie haben Sie die Abgeordnete Ginzburg erlebt?

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Natalia Ginzburg

Die Grande Dame der italienischen Literatur wäre am 14. Juli 100 Jahre alt geworden. Mit ihren Romanen wie «Die Stimmen des Abends», «Familienlexikon» oder «Caro Michele» erwies sie sich als scharfsinnige Beobachterin von menschlichen Beziehungen.

Michael Krüger: Ich entsinne mich, wie sie mir am ersten Abend die Geschichten ihrer Nachbarn erzählte. Sie wohnte in einer kleinen Strasse in der Nähe des Pantheons.

Da man wusste, dass sie Abgeordnete war, kamen alle mit ihren Problemen zu ihr: der Bäcker, der Metzger, der Schuhmacher. Sie beklagten sich, dass ihre Geschäfte schlecht liefen, oder berichteten von ihren Kindern, die sich mit Drogenkonsum zugrunde richteten oder mit dem Motorrad verunglückt waren.

Als unabhängige Linke im Parlament beschäftigte sich Ginzburg mit solchen Themen: der Zerfall der Familie, der Zerfall aller Bindungen, der Zerfall einer Gesellschaft.

Es war aufregend, mit ihr darüber zu sprechen, weil sie nicht nur eine Meinung hatte und gut erzählen konnte, sondern weil sie die Einzige war, die ich in Rom kannte, die etwas dagegen tun wollte.

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Bildlegende: Natalia Ginzburg arbeitete in den 1940er-Jahre für den Verleger «Einaudi» in Turin. Das Foto zeigt sie 1960. imago/ZUMA/keystone

Haben Sie sich schon früher mit ihrer Literatur beschäftigt?

Ja, ich kannte alle ihre Werke, soweit sie ins Deutsche übersetzt waren und habe sie immer sehr bewundert. Sie erlebte Unerhörtes im Zweiten Weltkrieg, die Verbannung und die Erschiessung ihres ersten Mannes. Solche Erfahrungen prägen einen.

Wie man dann aber trotzdem den Mut fasst, bestimmte Familienkonstellationen wie in «Die Stimmen des Abends» oder in «Caro Michele» zu konstruieren, das hat mich interessiert.

In ihren Büchern finden sich keine Verurteilungen oder Anklagen, wie bei anderen Autoren, die unter dem Faschismus gelitten haben, sondern es ist der bis zum Minimalismus gehende Versuch, so trocken wie möglich und ohne Sentiment diese Dinge darzustellen. Das liest sich bis heute so frisch wie am ersten Tag.

Natalia Ginzburg arbeitete nach dem Krieg im Turiner Verlag «Einaudi». Zu ihren Kollegen gehörten Cesare Pavese, Elio Vittorini und Italo Calvino. Gibt es einen speziellen Stil der «Einaudi»-Autoren?

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Michael Krüger

Michael Krüger, geboren 1943 in Sachsen, war viele Jahre Geschäftsführer des Münchner Carl Hanser Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift «Akzente». Er ist Mitglied verschiedener Akademien, Autor von Gedichten, Geschichten, Novellen und Romanen.

Bestimmt nicht. Aber es gab Dinge im Kreis um den Verlag, die sie geprägt haben oder sagen wir: die sie angezogen haben. Das war der Versuch, nach dem Krieg eine neue moralische Grundlage für das Schreiben zu finden, und es war die Tendenz zu einer sachlich-dokumentarischen Literatur. Aber jeder war ein Einzelgänger.

Wie würden Sie das Schreiben von Natalia Ginzburg charakterisieren?

Sie hat aus ihren jüdischen Wurzeln ihre ganz eigene Sprachmelodie entwickelt, und die Familie spielt bei ihr eine riesige Rolle, wie in der ganzen jüdischen Literatur. Aber vor allem hat diese Lakonie, mit der sie die unerhörtesten Lebensschicksale erzählen konnte, meine grosse Bewunderung gefunden: dieser minimalistische Stil, der versucht, aus den kleinsten Bewegungen, Gesten und Spuren die Essenz einer Familie zu erfassen. Das ist eine hohe Kunst, die sie beherrscht hat.

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