Unsere Herkunft prägt unser Leben. Wer aus armen Verhältnissen stammt, hat geringere Chancen als Reiche. Diese Ungerechtigkeit treibt den 54-jährigen Erfolgsautor und Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss in seinem Werk immer wieder um. Und nun auch in seinem aktuellen Buch «Königin der Nacht».
Es geht um die Mutter des Autors. Das Buch ist kein Roman, sondern der autobiografische Bericht eines tiefen Leids, das seine Mutter durchlitt. Und das auch auf ihn als Sohn ausstrahlte.
Die bittere Armut
Die Erzählung beginnt damit, dass Lukas Bärfuss kurz nach dem Tod seiner Mutter deren letzten Bankauszug findet: Ganze 60 Franken betrug ihr Vermögen bei ihrem Tod. Der «rosa Zettel» habe ihn «provoziert», schreibt Bärfuss. Es sei gewesen, «als habe ihm die Wirklichkeit ins Gesicht gespuckt».
In literarisch meisterhaft gestalteten Rückblenden wirft Bärfuss Schlaglichter auf seine Mutter. Sie war zeit ihres Lebens bettelarm. Sie trennte sich früh von ihrem kriminell gewordenen Ehemann, dem Vater von Lukas Bärfuss.
Einen Beruf hatte die Mutter nicht. Sie schlug sich mehr schlecht als recht mit prekären Jobs durch. Nach der Pensionierung übersiedelte sie in die Dominikanische Republik. Die karge Rente reichte nicht für ein Leben in der Schweiz.
Eine Nicht-Beziehung
Bärfuss' Verhältnis zur Mutter war zerrüttet. Sie habe in seiner Kindheit «nichts getan, was man von einer Mutter erwartete. Hatte sich nie gekümmert, niemals ihr Wohlergehen meinem hintangestellt, kein Opfer gebracht.»
Nie habe er ihre Liebe oder nur schon ihr Interesse gespürt. «Sie hatte mich niemals getröstet, keine Wunde verbunden.» Sie schalt ihn einen «Idioten», «schwer erziehbar», «auf dem Weg ins Kinderheim und vom Kinderheim in den Knast. Wie der Alte».
Vererbte Not
Als Lukas Bärfuss 15 war, stellte ihn seine Mutter für immer auf die Strasse. Er lebte in der Gosse – zwischen Kriminellen und Drogensüchtigen. Dass er irgendwann doch noch den Weg ins Leben fand, gleicht einem Wunder.
Lukas Bärfuss schildert seine Mutter trotzdem nicht als schlechten Menschen: Ihre Härte und moralische Verderbtheit seien nicht von ungefähr gekommen, entstammte die Frau doch ihrerseits armen Verhältnissen.
Ihre emotionale Kälte deutet Bärfuss als Folge des täglichen Kampfs ums Überleben. Denn «wer arm ist, hat vielleicht auch Gefühle, aber sie spielen keine Rolle. Niemand interessiert sich dafür. Man lässt sie besser absterben, das schmerzt auf Dauer weniger.»
Der Zeitkritiker
Lukas Bärfuss wäre nicht Lukas Bärfuss, wenn er die Geschichte seiner Mutter nicht in einen politischen Kontext stellen würde: Menschen ohne Geld seien in der bürgerlichen Schweiz seit jeher unter die Räder gekommen.
Der Autor listet auf, wie Schweizer Behörden in früheren Epochen mittellosen Müttern die Kinder wegnahmen, Fahrende drangsalierten, Arme als Vagabunden kriminalisierten. Das Los der Mutter des Autors erscheint damit als Teil einer langen Tradition historischer Verfehlungen.
Eine steile These, die auch nach Widerspruch ruft. Hat die Schweiz nicht ein breites System an Sozialwerken entwickelt – gerade auch, um weniger Bemittelten ein Leben in Würde zu ermöglichen?
Insgesamt bietet die «Königin der Nacht» nicht nur als eine brillant geschriebene und ergreifende Lektüre. Das Buch ist auch provokativ – und sorgt für Diskussionsstoff.