Nora Gomringer: Krankheiten in konkreter Poesie

Mit ihrem Prosastück «Recherche» gewann die schweizerisch-deutsche Autorin den diesjährigen Ingeborg Bachmann Preis. Einen Namen als Lyrikerin hat sich Nora Gomringer schon vorher als Lyrikerin gemacht. Und sie dichtet weiter. In ihrem jüngsten Gedichtband verwandelt sie Krankheit in pure Poesie.

Illustration von grünen Viren und Zellen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jede Biografie hat eine Krankenakte – somit sind Krankheiten guter Stoff für Gedichte. Colourbox

Krankheit nährt die Literatur als Stoff seit jeher. Von Homer bis jüngst Wolfgang Herrndorf. Im Spannungsdreieck Gesundheit – Krankheit – Gesellschaft lässt sich so vieles untersuchen, was das Wesen des Menschen ausmacht.

Gomringers Zyklus umfasst 25 Gedichte, die je ein Krankheitsbild variieren. In der Summe ist dies weniger düster als man denken könnte.

Im Gedicht «Plumbum», lateinisch Blei, als Umschreibung für Depression, bringt sie zwar «den schwarze Hund» und «das Kleid aus Blei» als Metaphern für die Schwermut ins Spiel. Aber eigenartigerweise steht am Ende: «Die Droge hilft/ der Tag wird hell/ das Leben: Traum». Ob da nicht durch die rosa Brille auf eine heimtückische Krankheit geschaut wird, die mit massivem Leidensdruck verbunden ist – Droge hin oder her?

Gleichwertige Illustrationen

Jedem Gedicht ist eine durchs Band weg aussagekräftige, eindringliche Illustration zugeordnet. Reimar Limmer holt mit seinen Bildkommentaren oft gleichviel Tiefenschärfe heraus wie die Autorin.

Superb ist das Gedicht «Poliograph». Polio, die Kinderlähmung, ist nur das Aggregat dieses Erzählgedichts. Der Fokus ist auf den US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt gerichtet, der von 1933 bis 1945 im Amt war, Kinderlähmung hatte und sich kaum aus eigener Kraft vorwärtsbewegen konnte.

«What is your excuse?»

Die äussere Form ist eine Rede Roosevelts zur Lage der Nation. Sie mündet in eine rhetorische Frage ans Publikum: «Mich traf ein Virus. What is your excuse?»

Was ist Ihre Entschuldigung dafür, dass Sie nicht mehr dazu beitragen, damit es mit dem Land vorwärts geht, obgleich Sie nicht mit einer solch gravierenden Krankheit leben müssen wie ich? So kann man es ausdeutschen. Dies ist ein Zeugnis politischer Lyrik, die ohne parteiliche Gesinnungsfärbung auskommt. Hingegen ist es ein Stück zeitgemässe Moral, das in seinem appellativen Charakter deutliche Wirkung zeigen kann.

«Und immer ist es Sprache, die wir brauchen, um einander Drastisches zu senden», stellt das lyrische Ich in «Showtreppenebola» nüchtern fest. Dieses Gedicht ist Ausdruck einer programmatischen Beschwörung. Denn: «In 24 Stunden sollst du (Adressatin ist die Seuche Ebola) deinen Platz auf Erden räumen.»

Krebs und konkrete Poesie

Heute gibt es Anzeichen, dass man Ebola mit Impfstoff besiegen kann. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gedichts dürfte die Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen die Krankheit noch vorgeherrscht haben.

Nora Gomringer kann aber auch eine Genmutation einer Krebszelle im Stil konkreter Poesie nachvollziehen. Das beginnt mit «Der Fehler im Gen» in der ersten und es endet zehn Zeilen später mit dem Vollzug: «Der Fehler im im enG GGimmm.»

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Buchhinweis

Nora Gomringer und Reimar Limmer: «Morbus». Voland & Quist, 2015.

Die Variationsbreite dieser Dichterin ist eindrücklich und bietet manche Überraschung. Der Zyklus «Morbus» ist wie eine Reise in 25 Krankheiten um die Welt. Mal beschwerlicher, mal gedankenschwer, mal luftiger. Aber immer auf der Höhe der Zeit.

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