Die Hauptfigur Paul Bálint der Novelle «Einfallende Dämmerung» könnte in Vielem Christian Haller selbst sein. Und sie es wohl auch. Der unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2023 ausgezeichnete Autor ist bekannt dafür, dass er in seinen Werken oft autobiografische Stoffe aufgreift.
Bálint ist ehemaliger Mikrobiologe. Auch Christian Haller hat als studierter Zoologe einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Beide – Figur und Autor – sind über 80.
Auch sind beide der Überzeugung, dass es mit diesem hohen Alter «tatsächlich einen Bruch gab und ein neuer Lebensabschnitt mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen begonnen hatte». So heisst es im Buch. Und so bestätigt Christian Haller auf Nachfrage seine persönliche Erfahrung.
Fremd unter Freunden
Die Novelle setzt mit dem Geburtstagsfest für Paul Bálint ein, das jüngere Forscher-Kolleginnen und -Kollegen für die einstige Wissenschafts-Koryphäe ausgerichtet haben. Doch Bálint verspürt eine tiefe Einsamkeit. Er fühle sich «von der Konversation ausgeschlossen»: «Er war kein Teil der Forschungscommunity mehr. In ihrem Kreis gab es ihn lediglich als eine Erinnerung: gut und ehrenwert, doch längst vergangen.»
Subitl und bildhaft erzählt Christian Haller aus Paul Bálints Alltag: Wer er in seiner Nachbarschaft zwar als netter älterer Herr gilt, dem man auf der Strasse freundlich zunickt. Für den sich aber keiner mehr interessiert.
Neuer Blick, wachsende Gelassenheit
Doch da ist nicht nur Verlust und Trauer. Vielmehr erzählt die Novelle von neuen Perspektiven, die sich der Figur eröffnen. So entdeckt Paul Bálint etwa, wie schön es für ihn ist, langsamer zu gehen als früher.
Dies gebe ihm «das Gefühl, weder fünftausend Schritte noch ein Ziel erreichen zu müssen. Er konnte auf seinen Spaziergängen stehen bleiben, schauen oder eine bestimmte Einzelheit, ein gemeisseltes Wappen über einer Haustür zum Beispiel, studieren.»
«Sich nach dem Essen hinzulegen», so liest man, sei «ein fester Bestandteil seines Alltags geworden.» Dies ist völlig neu. Vorher gab das Bedürfnis nicht. Und im Labor blieb dafür sowieso keine Zeit. «Heute jedoch genoss er es, … der Müdigkeit nachzugeben, und der Moment der Entspannung war ähnlich lustvoll wie der erste Schluck Kaffee am Morgen.»
Kurzum: Bálint muss nicht mehr, er darf. Diese Verschiebung ist die Folge der Endlichkeit, die absehbar geworden ist. Sie schafft neue Relationen. Und Distanz zu vermeintlich wichtigen Zielen, die es lange Zeit pflichtschuldigts zu erreichen galt.
Befreiende Leichtigkeit
Paul Bálint findet sich «in einem Raum wieder, in dem nichts mehr selbstverständlich ist. Die festen Zuschreibungen beginnen sich aufzulösen, der Moment wird wichtig, und in allen Dingen macht sich die Vergänglichkeit bemerkbar.» Eine neue Leichtigkeit durchströmt das Dasein. Nimmt ihm den Ernst.
Am Ende dieses Lebens scheint sich ein Kreis zu schliessen: Der einstige zielstrebige und auf den beruflichen Erfolg fokussierte Mikrobiologe agiert nun aus dem Moment heraus. Denn was ist schon morgen?
Er entwickelt dabei jene Haltung dem Leben gegenüber, die kleine Kinder haben: Dem nachgeben, das sich im Hier und Jetzt anbietet. Und es lustvoll tun. Diese wiedergewonnene Freiheit, dies lehrt diese bezaubernde Novelle, ist das wohl schönste Geschenk, welches das hohe Alter bereithält.