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Literatur Paris war das Silicon Valley des 19. Jahrhunderts

«Video killed the Radio Star» – das ist eine Weile her. Jetzt wird befürchtet, dass das Internet die gedruckte Presse tötet. Verwüstung gab es auch, als die Zeitung neu war. Darüber schrieb Honoré de Balzac 1837 den Roman «Verlorene Illusionen» – und blickte in die Zukunft der noch jungen Industrie.

Porträt von Honoré de Balzac der eine Hand auf die Brust hält.
Legende: Daguerrotypie von Honoré de Balzac, 1842. Der Autor schreibt über einen jungen Dichter – und damit über sich selbst. Wikimedia

Als der «grosse Mann aus der Provinz» nach Paris kommt, sind sie schon da, die Papiermaschinen und die Schnellpressen, die Journale und die Journalisten. Aber sie sind neu. So neu in der Hauptstadt wie Lucien Chardon, der junge Dichter aus Angoulême und Hauptprotagonist in «Verlorene Illusionen». Lucien hat Ambitionen. Und er glaubt, als Schriftsteller reüssieren zu können. Das ist eine Täuschung, wie sich zeigt. Lucien lernt. Er lernt, Geist ist Geld, Literatur ist Ware.

Und Lucien Chardon, der sich später de Rubempré nennen wird, verliert Illusionen. Talent und Können bedeuten nichts. Die Netzwerke der Salons steuern Karrieren, befördern und beenden sie. Öffentlichkeit wird Instanz. Nicht irgendeine Instanz, sondern die, von der alle abhängen, die zu Macht und Geltung gelangen.

Balzac macht einen Fehler

Neu ist das Feuilleton, der Kulturteil der Zeitung. Auch hier geht es um Kampf und Schnelligkeit, die Umlaufgeschwindigkeit der Druckmaschinen und Meinungswaren. Lucien wird sich entscheiden. Balzac schreibt seinem Protagonisten die Theaterkritik, die diesen Moment festhält. Es ist der entscheidende des ganzen Romans.

Und: Balzac macht einen Fehler. Die erste Kritik, die alles verändert, Luciens Sottisen über ein spanisches Stück im Stil der Saison, ist zu gut. Sie ist einfach viel zu gut für den jungen Ex-Dichter, der eben noch mit mittelmässigen Sonetten auftrat. In einem Moment ist Balzacs Hauptfigur der Schriftsteller, der er weder vorher noch später werden konnte. Das ist die tragische Ironie in dieser Geschichte vom Aufstieg und Verfall eines Journalisten.

40 Seiten täglich

Balzacs grosser Roman ist Presse-, Mentalitäts- und Wirtschaftsgeschichte in einem. Und er schreibt von sich. Denn auch Balzacs Adelsprädikat ist erfunden. Geld und Erfolg sind auch seine Triebfedern. Geist gegen Geld ist auch sein Grundsatz. Als Romancier ist er auch Journalist, der in Fortsetzungen für die Zeitung schreibt. Er macht es, durchschaut es und hasst es gleichzeitig. Korruption ist kein Personenmerkmal, sondern das neue leitende soziale Prinzip. Das ist die seismografische Intelligenz, die diesen Roman vorantreibt.

Kaffee ist Balzacs Droge, Nachtarbeit die Regel. Bis zu 40 Manuskriptseiten täglich. Schreiben wie auf Speed, das seine Zeit in Romane fassen will, kaum ein Jahrzehnt vor dem «Kommunistischen Manifest» und der Pariser Revolution von 1848.

Glanz und Illusionen überall

«Verlorene Illusionen» ist ein Dokument des literarischen Materialismus. Sein Autor will sich nichts vormachen über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Stellung des Intellektuellen in ihr. Und er blickt voraus, sieht die Antriebe des Fortschritts, seine Dialektik. Die Treiber sind Technik und Markt, ob bei der Schnellpresse oder der digitalen Revolution heute.

Deren Bourgeoisie baut sich neue Monumente, in Silicon Valley und anderswo, steigert die Fliessgeschwindigkeiten von Information und Kapital. Glanz und Illusionen all überall. Mit Balzacs Roman kann man einen Blick in die Zukunft der Vergangenheit tun. Schöne Aussichten.

Buchhinweis

Honoré de Balzac: «Verlorene Illusionen», übersetzt von Melanie Walz, Hanser Verlag München 2014.

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