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Einer der grossen Alten: Paul Nizon wird 90
Aus Kultur-Aktualität vom 19.12.2019.
abspielen. Laufzeit 04:31 Minuten.
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Paul Nizon wird 90 Intensiver lebt, wer Nizon liest

Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon gehört zu den Klassikern das 20. Jahrhunderts. Warum soll man ihn lesen? Eine Hommage zum 90. Geburtstag.

Weil intensiver lebt, wer Nizon liest. Seine Literatur ist vergnüglicher Luxus und Lebenshilfe. Zu geniessen sind Musikalität, Witz und Innovationskraft seiner Sprache. Zu bedenken sind Figuren und Lebensentwürfe.

Regression oder Rebellion?

Nizon wuchs in Bern auf. Dort steht das Haus, in das uns der Roman «Im Hause enden die Geschichten» führt. Dort ist auch der Tabakladen, den wir als Lesende so real erleben als wären wir im Traum dort.

Wir riechen die würzigen Düfte des Ladens, sehen die Kunden. Zugleich aber ist das Haus eine Metapher für Herkommen, Heimat und Abhängigkeit. Anpassung oder Rebellion?, so lautet die Frage.

Was ist «richtig»?

Nizon glaubt, «dass das Leben uns zu Lehen gegeben ist, man kann es verschlafen, man kann es verraten, man kann es beschmutzen, man kann es verlieren, aber man kann es auch gewinnen». Und das Leben gewinnen heisst für das Individuum, seine «Bestimmung» finden.

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Aus dem Archiv: Der ungestillte Welthunger des Paul Nizon
Aus 10vor10 vom 20.02.2014.
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Immer und immer wieder fragen sich Nizons Figuren: War der Tag mein Tag, oder war ich sein Geschöpf, sein Ball? Und sie denken, dass ein Tag erst dann «mein Tag» wird, wenn sie ihn im Rückblick erinnern, bedenken und beschreiben. «Alles, was nicht Sprache geworden ist, existiert nicht», sagt Nizon.

Ich bin Er

Um sich zu finden, muss man sich beobachten. Nizon hat eine eigene Erzählweise zur Selbstbeobachtung entwickelt. «Ich sehe mich…» heisst das Prinzip. Der Erzähler spricht von sich in der dritten Person, organisiert für sich ein Rollenspiel.

Paul Nizon bei «Ansichten»

Paul Nizon bei «Ansichten»

Die Webseite «Ansichten – Schweizer Literatur» versammelt zeitgenössische Autorinnen und Autoren der Schweiz und stellt sie in Bild und Ton aus dem SRF-Archiv vor.

So fragt er sich und seine Lesenden zum Beispiel: Bist du der vergessene Soldat an der toten Front? «Nicht denken. Weitermachen» heisst seine Devise. «Wohin soll er desertieren? In seinem Graben kennt er sich aus.»

Wie ein Fallschirmspringer

Oder bist du im Traum «geborgen wie im Bauch des Walfischs»? Der Träumer geniesst Aufbrüche und Anfänge. Wie ein Fallschirmspringer muss er sich «immer ins Leere stürzen, um den Schirm oder Traum zum Aufgehen, zum Tragen zu bringen.»

Bist du der Streuner, der ein Leben lang aus allen Bindungen wegläuft, aus Familie, Beziehungen, Berufen? Er steht vor der Frage: «Gibt es eine Spur, die verlohnte?» Sein vorläufiges Fazit: «Man müsste wissen, als wer man gemeint ist. Das aber setzte eine sinnvolle Schöpfung voraus.»

Vergnügen und Selbsterkenntnis

Oder willst du, Leserin, Leser, weitermachen mit deinem Mann, deiner Frau, deinem Beruf, deinem Leben? Wenn du dich von Neuem verführen liessest, wäre es Verrat oder heilsame Sprengung erstarrter Verhältnisse? Nizon kleidet unsere Angst vor Erstarrung in das Schreckbild der beiden Hunde, die nicht mehr auseinander kommen:

«Als sie nach all den Vorspielen endlich zum Akt schritten und der Rüde die Hündin bestieg, kamen sie hinterher nicht mehr auseinander, sie blieben ineinander verhakt, es half kein Wasserguss, es musste ein Tierarzt her mit einer Spritze.»

Vergnügen und Selbsterkenntnis sind der Lohn der Nizon-Lektüre.

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