«Péter Esterházy schrieb, wie es nur wenige können»

Die Geschichten des verstorbenen Péter Esterházy waren unberechenbar und von einer ironischen Distanz, die ihm eigen war. Der Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid erinnert sich an seine letzte Begegnung mit dem ungarischen Schriftsteller und erzählt, was ihn von anderen Autoren abhob.

Peter Esterhazy Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei Péter Esterházy wusste man nie, was auf der nächsten Seite passieren wird. Getty Images

SRF: Sie haben Péter Esterházy regelmässig getroffen, das letzte Mal in Berlin, als er sein aktuelles Werk «Die Markus-Version» vorstellte. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese letzte Begegnung?

Andreas Isenschmid: Zu diesem Anlass kam quasi ganz Berlin. Wir ahnten alle, dass es die letzte Möglichkeit sein wird, ihn zu sehen. Er hatte die übliche witzige Art, aber sie war auch von der üblichen Melancholie noch etwas stärker umschattet als sonst. Man sah ihm an, dass er krank war.

Er hat in seinen Äusserungen erkennen lassen, dass er stärker als ohnehin mit Befristung, mit Relativierung, mit den Grenzen des Lebens zu rechnen hatte. Er sass endlos lange in der Kolonne und gab Autogramme, so um die eineinhalb Stunden lang. Ein trauriger Anlass.

Wenn man sich Fotos von Esterházy ansieht, dann zeigt sich ein sehr liebenswürdiger Mensch, aber auch einer, der sich selbst mit seinem grauen, wallenden Haar irgendwie zu inszenieren scheint. Was war er denn für ein Mensch?

Inszeniert in einem unangenehmen Sinne hat er sich nie. Er war allerdings ein Mensch, der mit diesem künstlerischen Auftritt schon signalisierte, dass er eine Distanz zu allen Dingen, auch zum Intimsten seiner Selbst, hatte.

Er hatte diese ironische Distanz, die ihn in allem ausgezeichnete. Sie war da, wenn wir über seine Sorgen mit seinen Kindern sprachen oder über seine enge Wohnung, in der er als junger Mensch gewohnt hatte.

Er hat diese Ironie immer mit Wärme vorgetragen. Es gab nie irgendetwas Erkältendes im Umgang mit ihm. Er war ein treuer, ein ausserordentlich wahrheitsliebender und neugieriger, sich gut an alles erinnernder Freund. Das ist etwas sehr Spezielles.

Das Posierende kam dann zum Ausdruck wenn er schrieb, aber wiederum nicht in einer komplizierten Weise, denn er war natürlich der raffinierteste Schriftsteller, der in der Gegenwart geschrieben hat. Ein solches Raffinement im Umgang mit Sprache kenne ich bei niemandem sonst in unserer Gegenwart.

Zu dieser Raffinesse im Schreiben gehört auch die Ironie, für die Péter Esterházy bekannt ist. Er gilt als scharfsinniger Beobachter, als kritischer Geschichtenerzähler. Er hinterlässt ein riesiges literarisches Werk. Was fasziniert Sie denn persönlich an seinen Büchern?

Mich hat fasziniert, dass ich bei Péter Esterházy im Unterschied zu fast allen anderen Autoren nie die geringste Ahnung hatte, was mich nun im nächsten Buch erwarten würde.

Ich habe, wenn ich in den Büchern drin war – im Unterschied zu auch fast allen anderen Autoren wiederum – nie gewusst, was auf der nächsten Seite, im nächsten Kapitel passieren wird.

Die Unberechenbarkeit, die Offenheit, das spielerische Aufreissen aller Varianten einer Sache, die man erzählt – die waren bei ihm so ausgeprägt und führten zu einer solchen Kunst des fiktiven Saltos im Grossen und der fiktiven Rösselsprünge und Ballettbewegungen im Kleinen des Satzes, wie ich das nie erlebt und immer wahnsinnig genossen habe – wenn es auch oft ziemlich schwierig war, ihm zu folgen. Man musste ein wacher Geist sein.

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Péter Esterházy erhält den Friedenspreis

1:47 min, aus Tagesschau vom 10.10.2004

In seiner Heimat Ungarn legte er sich auch mit der rechtskonservativen Regierung von Viktor Orbán an. Allerdings nicht so offensichtlich, wie das andere Schriftsteller wie Günter Grass oder Heinrich Böll getan haben. Welche Rolle spielte Esterházy im politischen Diskurs in Ungarn?

Das ist für mich nicht so einfach zu sagen, weil er sich – Sie haben es gesagt – geweigert hat, Manifeste und so weiter zu unterschreiben. Es war immer klar: Orbán mag er nicht.

Wenn er selber berührt und zensiert wurde, hat er sich deutlich geäussert. Er stand auf der Seite von Imre Kertész. Mit dem hat er auch zusammen im Wechselspiel Sachen entwickelt und ihn in seinem letzten Buch zitiert. Aber seine Art der politischen Stellungnahme war eher die in den Werken vorgetragene.

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Zur Person

Andreas Isenschmid ist ein Schweizer Literaturkritiker und enger Freund des Schriftstellers Péter Esterházy. Er war viele Jahre lang Literaturkritiker im Literaturclub des Schweizer Fernsehens.

Berühmt geworden ist er mit dem «Produktionsroman». Einem Roman, in dem er die sozialistisch-realistische Erzählweisen auf eine so kunstvolle Art und Weise auf die Schippe genommen hat, dass die Leute beinahe erstarrt sind vor Respekt: Dass einer so frech das, was von ihm gefordert wurde, veräppeln und veralbern konnte.

Péter Esterházy ist nun tot. Was hat Ungarn verloren, was hat Europa verloren?

Wir verlieren einen Schriftsteller, der das Künstlerische an der Sprache und am Erzählen ernst nahm. Er zeigte, dass Ästhetik das Wichtigste ist für einen Schriftsteller und nicht Meinung.

Und wir verlieren einen Schriftsteller, der dieses Künstlerische auf einer Höhe und mit einer Virtuosität beherrschte, wie es nur wenige können. Er hat in den Sätzen seiner Prosa so künstlerisch gearbeitet, wie es sonst eigentlich nur Lyriker tun.

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