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Die Heinroths und ihre 1000 Vögel
Aus Kontext vom 28.02.2021.
abspielen. Laufzeit 49:37 Minuten.
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Pioniere der Vogelforschung Vogel-WG: Sie lebten mit 1000 Vögeln zusammen

Magdalena und Oskar Heinroth haben mit ihren Vogelstudien den Grundstein für die Verhaltensforschung gelegt. Ein neues Buch zeigt ihr Lebenswerk.

Der Seeadler schläft in seinem Korb, der Kleinspecht meisselt den Stuck von der Decke, in Blumentöpfen mit Kunstnestern sitzen Lerchen und Bachstelzen. Magdalena Heinroth muss aufpassen, dass der frei fliegende Habicht die anderen Vögel mit seinen Klauen nicht tötet.

Heinroth hat in der Mietswohnung in Berlin zwischen Frühjahr und Herbst meistens 18 Stunden-Tage, um alle Vögel zu füttern und alles sauber zu halten. Pro Jahr zieht sie 35 Vogelarten gross.

Eine Mönchsgrasmücke zur Verlobung

1904 beschliesst das Ehepaar Magdalena und Oskar Heinroth, sämtliche Vögel Mitteleuropas von Hand aufzuziehen. Auslöser für dieses wissenschaftliche Mammutprojekt war Oskars Verlobungsgeschenk an Magdalena.

Statt ihr einen Ring an den Finger zu stecken, überraschte er sie mit einer Mönchgrasmücke. Greina, wie der Vogel genannt wurde, spornte die beiden zur Erkenntnis an: «Jeder Vogel gibt unzählige Rätsel auf, und oft lassen sie sich erst lösen, wenn man dem Tier ganz nah ist.»

Legende: Seit seiner Kindheit war Oskar Heinroth verrückt nach Vögeln. knesebeck verlag

Das Eiderentchen, das im Zug zur Welt kam

Die beiden treiben ihr Projekt mit grosser Intensität und hohem Tempo voran. Oskar Heinroth, der im Berliner Zoo als Assistent des Direktors arbeitet und später das Aquarium aufbaut, ist in der Ornithologen-Szene bestens vernetzt.

Kollegen schicken ihm Eier aus allen Ecken Europas. Bei Bedarf holt er Küken oder Eier selbst ab. So kommt es vor, dass ein Eiderenten-Küken im Schnellzug von Stockholm nach Berlin schlüpft. Heinroth fährt immer erste Klasse. So kann er das Brüten besser und ohne neugierige Mitreisende überwachen.

Die unendliche Geduldsarbeit der Heinroths

Tagsüber studieren die Heinroths ihre Schützlinge. Abends protokollieren sie die Entwicklung der jungen Vögel akribisch. Magdalena hält die Nachtigallen, Schleiereulen und Ziegenmelker geschickt und beruhigt sie, so dass Oskar fotografieren kann. Weil der Auslöser laut klickt, müssen die Vögel zuerst an die Klick-Geräusche gewöhnt werden.

Entstanden sind Bildserien, die Lukas Jenni, Ornithologe und ehemaliger Leiter der Vogelwarte Sempach noch heute begeistern: «Solche Entwicklungsserien kann man heute gar nicht mehr machen.» Der Heinroth-Biograf Karl Schulze-Hagen ergänzt: «Das war eine unglaubliche Geduldsarbeit.»

Legende: Das neue Buch «Die Vogel-WG» gibt Einblicke in die Arbeit und das Werk von Magdalena und Oskar Heinroth, knesebeck verlag

Ein Grundstein für die Verhaltensforschung

Die Heinroths forschen gründlich und wollen sich «einen Begriff davon machen, wie es in dem Kopf eines Vogels aussieht.» Damit legen sie das Fundament einer neuen Wissenschaft: der vergleichenden Verhaltensforschung.

1924 erscheint der erste Band «Die Vögel Mitteleuropas». Konrad Lorenz, der diesen Band zum 20. Geburtstag geschenkt bekommt, ist hingerissen. Zwischen ihm und Oskar Heinroth entwickelt sich ein jahrelanger Briefwechsel. 1973 wird Lorenz für seine Erkenntnisse in der Verhaltensforschung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, wobei Lorenz den «eigentlichen Erfinder» nie verschweigt.

Buchhinweis

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Die Heinroths sind in weiten Kreisen in Vergessenheit geraten – wäre da nicht Karl Schulze-Hagen. In der Berliner Staaatsbibliothek ist der deutsche Arzt und Ornithologe auf Heinroths Nachlass gestossen: 37 Kisten voller Protokolle, Tagebücher, Fotografien und Skizzen. Zusammen mit Gabriele Kaiser holt er das geradezu irrwitzige Projekt des Ehepaars ans Licht.

In ihrem Buch «Die Vogel-WG» schildern sie pünktlich zu Oskar Heinroths 150. Geburtstag am 1. März, wie Oskar schon als Kind Vögel beobachtete und aufzog. Kaiser und Schulze-Hagen legen dar, wie Oskar Heinroth die tiervernarrte Magdalena im Zoologischen Museum kennenlernte und wie aus dem beiden ein Dreamteam wurde.

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser : «Die Vogel-WG». Knesebeck Verlag, 2020.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.2.2021, 17:58 Uhr

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