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Wo ist der Täter? Literarische Vexierspiele
Aus Kontext vom 28.07.2019. Bild: Imago Images/Photocase
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Politische Literatur Die Kleinfamilie als Keimzelle des Rechtspopulismus

Marlene Streeruwitz' Roman «Feuerwand» ist eine brillante Analyse der gegenwärtigen Politik.

Marlene Streeruwitz ist eine politische Schriftstellerin. Und das im eigentlichen und besten Sinn des Wortes. Was das heisst, das zeigt sie einmal mehr mit ihrem aktuellen Roman «Flammenwand».

Der Roman ist eine brillante Analyse des gegenwärtigen Rechtspopulismus. Im Fokus steht die österreichische Regierung unter Sebastian Kurz. Dass sich diese Regierung mittlerweile selbst aufgelöst hat, ändert nichts an der dringlichen Aktualität des Romans.

Das Private ist politisch

Nie hat Marlene Streeruwitz die fiktionale Literatur missbraucht, um aktuelle Debatten in hübsche Geschichten zu verpacken und so mit vordergründiger «politischer Relevanz» zu punkten.

Ihr Einsatz ist sehr viel höher. Politisch ist bei Streeruwitz das literarische Verfahren an sich. Politisch ist die Frage, wer überhaupt schreibt, in wessen Namen und mit welcher Sprache. Politisch ist auch das Private. Denn die Macht, die sie kritisiert, wirkt nicht nur durch die politischen Repräsentanten, sondern in den Köpfen und Körpern der Regierten.

In «Flammenwand» lässt Streeruwitz keinen Zweifel, wo diese regierten Köpfe und Körper entstehen. Die traditionelle Kleinfamilie ist für sie die Keimzelle der rechtspopulistischen Gesellschaft.

Verachtung des anderen

Das Leitmotiv dieser Gesellschaft heisst Verachtung des anderen. Trainiert wird diese Verachtung zuallererst an der Mutter. Die Kindheit der Romanheldin Adèle war geprägt von einem despotischen Vater, der Gattin und Tochter mit «freundlicher Verachtung» behandelte. Die Mutter fügte sich in die Rolle und wurde zur Komplizin.

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«Politik ist keine Therapie»
aus Kultur kompakt vom 05.12.2016.
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An Adèles deutschem Partner Gustav stellt Streeruwitz noch eine andere Variante dieses Leitmotivs vor: Gustavs Vater hatte seit jeher eine Geliebte. Gustav erlebte seine Mutter nicht als Objekt des Begehrens (wie es der Ödipus-Komplex lehrt), sondern als Zielobjekt des Verrates.

Genau diese Muster werden Adèle und Gustav wiederholen. Adèle glaubt, in einer glücklichen Beziehung mit Gustav zu leben, als sie erfährt, dass er sie betrügt. Er führt schon lange ein Doppelleben.

Eine Art Tagebuch der Scheusslichkeiten

Das asymmetrische Verhältnis der Geschlechter, das Streeruwitz anhand ihrer Figuren darstellt, ist an sich schon skandalös. Doch Streeruwitz denkt das Problem mit unerbittlicher Logik weiter: «Wenn nicht alle gleich waren, dann waren alle nicht gleich. Dann konnte das ausgedehnt werden. Bis alle abgeholt waren.»

Genau um diese Ausdehnung ging es der österreichischen Regierung 2018–2019. Wie die Ausdehnung der Ungleichheit konkret vor sich ging, dokumentiert Streeruwitz in einem über vierzig Seiten starken Anhang.

Buchhinweis

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Marlene Streeruwitz: Flammenwand. S. Fischer, 2019.

Es ist eine Art Tagebuch der Scheusslichkeiten, das einen Einblick gibt in die Bedingungen, unter denen der Roman entstanden ist. Denn auch das gehört zu einer Literatur, die politisch sein will: Dass sie die historischen Bedingungen ihrer Entstehung reflektiert, und jeden Anschein von zeitloser Gültigkeit abwehrt.

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