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Fremd in der eigenen Sprache: Paul Celan und die «Todesfuge»
Aus Passage vom 20.11.2020.
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Prägender Lyriker Paul Celan schuf das dichterische Denkmal an den Holocaust

100 Jahre Paul Celan: Seine Gedichte gehören zum Schulkanon. Wer Celans Lyrik verstehen will, muss sein Leben kennen.

Der Lyriker Paul Celan war ein Überlebender, ein Entwurzelter und ein Mensch mit vielen Widersprüchen. Wie kaum ein Zweiter hat er die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit geprägt.

Im April 2020 war sein 50. Todestag und am 23. November hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert – eine gute Gelegenheit, herauszufinden, was den Dichter so aussergewöhnlich macht.

«Alle Dichtung ist autobiographisch», hat Celan geschrieben: «Ich habe nie eine Zeile gedichtet, die nichts mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte.» Man muss Celans Leben kennen, um seine Lyrik zu verstehen.

Mehr Buchhandlungen als Bäckereien

Celan wird 1920 als deutschsprachiger Jude in Czernowitz geboren. Damals gehörte die Gegend zu Rumänien, heute zur Ukraine.

Czernowitz war eine Stadt, in der es der Überlieferung nach mehr Buchhandlungen gegeben haben soll als Bäckereien. Eine Vielvölker- und Vielsprachenstadt, ein kultureller Schmelztiegel, in der das jüdische deutschsprachige Bildungsbürgertum die Mehrheit bildete. Das enge Verhältnis zur Mutter und ihre Begeisterung für die deutsche Literatur sind für Paul Celan prägend.

Paul Celan
Legende: Paul Celan ursprünglich Paul Antschel, später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm «Celan» entstand. Getty Images / Ullstein

Celan entgeht nur knapp den Deportationen, seine Eltern hingegen verliert er an die Nazis. Elternlos, staatenlos und besitzlos reist er über Bukarest und Wien nach Paris. Der deutschen Sprache jedoch wird er treu bleiben, abseits von Deutschland, wo die Sprache gewissermassen kontaminiert ist.

Die Todesfuge wird «lesebuchreif gedroschen»

Ende der 40er-, Anfang der 50er-Jahre erscheint sein Gedicht «Todesfuge, Link öffnet in einem neuen Fenster», das Geschichte schreibt. Es ist ein dichterisches Denkmal für Celans Mutter und zugleich ein Zeugnis für den Massenmord an den europäischen Juden.

Kaum jemand kann sich der Wirkungsmacht der «Todesfuge» entziehen, so eingängig sind ihr Rhythmus und ihre Musikalität, so ungeheuer kraftvoll die Bilder. Bald schon muss sie herhalten als «Paradebeispiel» für die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, die sich über dieses Gedicht mit dem Leiden der Juden identifizieren und so glauben, ihre Schuld abtragen zu können.

Für Paul Celan ist die «Todesfuge» zentral in seiner Biografie. Doch schon bald steht er gerade dieser suggestiven Wirkung des Gedichts skeptisch gegenüber. Es sei «lesebuchreif gedroschen», lässt er verlauten.

Weg von der Schönheit, hin zum Fragment

Nach der «Todesfuge» bewegt sich Celans Poetologie weg von der Rhythmik, Musikalität und Harmonie, weg von der Schönheit, Farbigkeit und Bildhaftigkeit, hin zu einer bruchstückhaften, fragmentarischen Sprache. Hin zur Sprache selbst, einer «grauen Sprache», wie er es nennt. In seinen Gedichten «Engführung, Link öffnet in einem neuen Fenster» und «Sprachgitter» scheint diese neue Vorstellung von Sprache auf.

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«Sprachgitter» Gedicht von Paul Celan
Aus Literaturclub vom 10.03.2020.
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In den 1950er-Jahren wird Celan Opfer einer Plagiatsaffäre. Zu dieser Zeit leidet er bereits unter starken psychischen Problemen. Aber vermutlich tut die Intrige der Schriftstellerwitwe Claire Goll ihr übriges: Sie unterstellt ihm, bei ihrem verstorbenen Mann abgekupfert zu haben – eine infame Unterstellung, die Celan massiv zusetzt.

Antisemitismus im Feuilleton

Hinzu kommen Ende der 50er-Jahre immer häufiger antisemitische Vorkommnisse, die Celan zu schaffen machen. Synagogen werden mit Hakenkreuzen beschmiert, auf Lesungen Celans werden antisemitische Karikaturen herumgereicht und auch im klassischen deutschen Feuilleton sind antisemitische Untertöne spürbar.

All das vermengt Celan mit den Plagiats-Vorwürfen. Die psychischen Spannungen nehmen bei dem Dichter immer mehr zu. Mehrfach lässt er sich in Kliniken einweisen, manchmal hat er regelrechte Wahnausbrüche.

1970 wählt der Dichter den Freitod in der Seine, vermutlich am 20. April. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht.

Was uns die Vergangenheit lehrt

«Das Gedicht kann eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht», meinte Celan einmal. Diese Flaschenpost erreicht uns heute – 50 Jahre nach seinem Tod – immer noch.

Denn Paul Celan lehrt uns: Man kann die Gegenwart nur verstehen, wenn man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Die Gedichte von Paul Celan sind dafür unverzichtbar.

Radio SRF 2 Kultur, Passage, 20.11.20, 20:00 Uhr

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