«Pretty Clever»: Robin Hood in der Kommerzwelt

Was tun, wenn Designerklamotten alles bedeuten – diese für manche aber unerschwinglich sind? Im Jugendroman «Pretty Clever» greift Schülerin Willa Fox zu illegalen Mitteln. Autorin Elisa Ludwig zeigt eine ungewöhnliche Heldin in einer ansonsten flauen Geschichte.

Ein Knallgelber Stöckelschuh steht auf einer moosbewachsenen Unterlage. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Luxus drängt sich in ein Hippie-Leben: In «Pretty Clever» entdeckt die Protagonistin den Reiz von Designer-Marken. Reuters

Der Sozialstress ist vorprogrammiert: Alle Schülerinnen und Schüler der Nobelschule Valley Prep tragen Designerklamotten. Es sind Topmarken wie Armani oder Prada. Kein Wunder eigentlich, denn hier in Paradise Valley im US-Bundesstaat Arizona wimmelt es vor Multimillionären – das belegen die vielen Villen augenfällig.

Die neu hinzugezogene Willa Fox steht somit ziemlich windschief in der Gegend: Sie trägt Vintage-Kleider und ist die Tochter einer allein erziehenden Hippie-Künstlerin. Bisher ist das Mutter-Tochter-Duo im Jahresrhythmus umgezogen – von einer schäbigen Absteige in die nächste. Doch an ihrer letzten Station, in Colorado, im «Paradise Valley», hat die Mutter unverhofft Bilder verkaufen können. Mit dem vielen Geld ist jetzt ein Leben in Luxus möglich.

Die Verlockungen der Glitzerwelt

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Buchhinweis

Elisa Ludwig: «Pretty Clever.» Loewe, 2013.

Warum die Mutter ausgerechnet nach Arizona ziehen wollte, hinterfragt die 15jährige genau so wenig wie ihren Drang, sich dem ungewohnten Lebensstil ihrer Mitschülerin anzupassen: Willa erliegt der Design- und Glitzerwelt. Sofort findet sie Anschluss bei der angesagtesten Mädchen-Clique der Schule, welche alle die «Glitteratis» nennen. Damit nicht genug: Bereits an ihrem ersten Schultag wirft der begehrteste Typ der Schule ein Auge auf sie.

Die junge US-amerikanische Autorin Elisa Ludwig setzt uns in ihrem ersten Roman ein etwas unglaubwürdiges Konstrukt vor. Sie erschafft eine Welt, in der Mode und Klatsch das höchste Gut sind. Willa geht völlig auf in dieser Welt, shoppt mit ihren neuen Freundinnen in Edelboutiquen und strapaziert das Portemonnaie ihrer Mutter mit Neuanschaffungen aus den aktuellsten Kollektionen. Tagsüber stöckelt sie durch die Schulgänge, abends hängt sie an den hippsten Partys ab.

Parallelen zur TV-Serie «Gossip Girl»

gossip girls Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schülerinnen im «Paradise Valley» sehen ungefähr so aus: «Gossip girl» ist überall. Keystone

Naiv ist diese Willa Fox, unreflektiert und schnell zu beeindrucken. Wen das bisher noch nicht an eine amerikanische TV-Jugendserie erinnert hat, dem wird spätestens im zweiten Teil des Buches der Vergleich mit der Erfolgs-Serie «Gossip Girl» augenfällig. Wie in der Serie beginnt schon bald ein gehässiger anonymer Blog das Geschehen an der Edelschule aufzumischen.

Zielscheibe der Lästerei sind drei sozial schlechter gestellte Mädchen. Sie haben ein Stipendium für den Schulbesuch erhalten. Für Designerkleider reicht das nicht – in diesen Kreisen ein unverzeihlicher Makel.

Da erwacht in Willa eine Art Gerechtigkeitssinn. Alle haben ein Recht auf Designerklamotten, so ihre Parole. Messerscharf schliesst sie, dass die stinkreiche «Glitterati»-Clique hinter dem Blog-Mobbing steckt und sinnt auf Rache. Sie beklaut ihre «Freundinnen» und kauft von der Beute Designerteile. Anonym legt sie den Geächteten Päckchen vor die Türe. Und siehe da: Mit jedem Designerteil, das die Ausgegrenzten tragen, steigt deren Popularität. Im Discofummel in den Mathe-Unterricht? Nur zu!

Spätestens jetzt ist die Versuchung gross, das Buch ob der schalen Handlung ins Altpapier zu schmeissen. Doch das wäre schade.

Die unbelehrbare Jugendbuch-Heldin

Denn jetzt kippt die Geschichte aus der Oberflächlichkeit in existenziellere Bereiche. Zwar bleibt die Heldin nach wie vor naiv. Doch ihr Spiel mit der Gerechtigkeit wird zu einem Lauf gegen die Zeit: Die Diebstähle haben naturgemäss die Polizei auf den Plan gebracht. «Pretty Crooked», ziemlich betrügerisch, heisst der Roman im Original. Das passt viel besser als der pseudodeutsche Titel «Pretty Clever».

Mag Willa auch «pretty», also hübsch sein, «clever» ist sie keinesfalls. Ihr Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit zerschellt auf dem knallharten Boden der Jugendstrafanstalt. Willas Welt gerät aus den Fugen. Plötzlich ist auch die Mutter nicht mehr jene liebe Freundin, die sie Jahre umsorgt hat. Sie hat ein Geheimnis. Doch welches? Mehr dazu gibt es im nächsten Band.

Denn «Pretty Clever» ist der erste Teil einer Trilogie – ein übliches Format bei Jugendromanen. Der zweite Band ist soeben in den USA erschienen. Er verspricht noch mehr Dramatik und Konflikte mit dem Gesetz. Geläutert ist diese 15jährige auch nach ihrer Bauchlandung nicht. Damit ist sie eine ziemlich neuartige Heldin für ein Jugendbuch.

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