Reportagen von Marie-Luise Scherer: Nichts als die Wahrheit

Sie sind immer ein Ereignis und gehören zum Besten, was das Genre zu bieten hat: Reportagen von Marie-Luise Scherer. Einige der Texte sind jetzt noch einmal zu lesen: Sie spielen allesamt in Paris und haben das, was Scherer-Reportagen ausmacht: diesen genauen Blick – gerade für menschliche Abgründe.

Eiffelturm, davor Touristen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Die Bestie von Paris»: Scherers Reportagen sind genau, kalt, präzis. Keystone

Zuletzt hat Marie-Luise Scherer ihre Arbeitsweise bei der Documenta 2007 erklärt. Ihre Arbeit am Text, bei der «zwei gute Sätze am Tag ein Glück» bedeuten. «Silbenarbeit» nennt sie das – und das wird belohnt.

«Es war die Rede davon, dass alle immer in schwarz kämen…». So beginnt ihr Stück über die Pariser Prét-à-porter-Modenschauen im Herbst 1988. Schwarz ist die Berufskleidung derer, die schon von Amts wegen mit Mode zu tun haben. Und nicht einfach mit Mode, sondern mit der Pariser Haute Couture, die sich in jener Saison auch hinter der «Place Marengo» im Hof des Louvre trifft.

Marie-Luise Scherer ist mittendrin, und sie lässt sich treiben im Strom der Schwarzgekleideten. Sie wird über den Event eine Reportage für den «Spiegel» schreiben. Aber was dann daraus wird, ist eigentlich keine Reportage, sondern ein Kunststück. Ein Stück getarnte Literatur in den Spalten der Zeitschrift. Sein Titel: «Kleine Schreie des Wiedersehens».

In die Luft gedrückte Küsse

Die vielen «kleinen Schreie» sind zu beachten, wenn das weibliche Stammpersonal der Pariser Szene ihr saisonales Wiedersehen feiert: Man kennt sich, man trifft sich. Man geht herum, tauscht Blicke, Kontakte. Scherer hört es so:

«Über allen Begrüssungen liegen die Altstimmen der Italienerinnen; neben jeder Wange ein in die Luft gedrückter Kuss, wobei der Blick der Küssenden und der nicht wirklich Geküssten schon anderswo am Kontaktieren ist; lächelnd hinüber nicken und in Erwartung des zurückkommenden Lächelns zur Seite sagen: ‹Das ist eine ganz Böse!› Doch auch die herzliche Begegnung hat ihre festen Zeiteinheiten, bevor sie fahrig wird und beide Partner wieder frei sein wollen, um anderen Personen zu begegnen.»

Buchtipp von Rainer Schaper

2:39 min, aus Buch-Tipps vom 28.06.2013

Feines Gehör, scharfer Blick

Das verfeinerte Gehör und der geschärfte Blick, das ist die Sache dieser Autorin. Sie hört und sieht bei den Mode-Machern im Hof des Louvre, was andere nicht beachten. Und sie beherrscht die sprachlichen Instrumente, daraus Literatur zu formen. Die schwierige Balance von Nähe und Distanz zeichnet Marie-Luise Scherers Reportagen aus. Das Wort «Ich» kommt nicht vor, aber die Person der Autorin ist doch präsent in dem, was sie schreibt.

Kühl, fast teilnahmslos wirken ihre Nahaufnahmen vom Geschehen, aber sie sind es nicht. Es ist viel Haltung in diesen Texten, die niemals werten. Und es ist erst recht die Moral, die draussen bleiben muss, wenn die Reporterin Scherer die Ereignisse beschreibt.

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Buchhinweis

Marie-Luise Scherer: «Die Bestie von Paris». Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012

Die Bestie von Paris

Die Anlässe dafür sind weit gespannt. Sie reichen von der Mode, dem Besuch bei Schriftsteller Philippe Soupault, Dreharbeiten zu einer Proust-Verfilmung bis zur Recherche eines Serienmordes. Gemeinsam ist ihnen hier nur eins, die Stadt Paris.

21 Morde gestand der junge Thierry Paulin aus Martinique, verübt an Rentnerinnen im Viertel Pigalle, bevor Scherer den Faden ihrer Recherche aufnimmt. Unter dem Titel «Die Bestie von Paris» erscheint ein kühles Referat der Situation, das auf alle Etiketten verzichtet.

Letzte Auskünfte

Es geht um Wahrheit, nichts weniger. Um die Wahrheit der Personen und Vorgänge. Um sehr genaue Sätze für sehr obskure Sachverhalte. Das gelingt auch bei Scherers Besuch der Dreharbeiten zu Marcel Prousts «Eine Liebe von Swann» und bei ihren Treffen mit Philippe Soupault.

Fünf Stunden an fünf Tagen hat sie den «letzten Surrealisten» in seinem Appartement im 16. Pariser Bezirk getroffen. Seine «schweifenden Auskünfte» bei diesen Begegnungen sind seine letzten. Im März 1990 ist Philippe Soupault gestorben. Scherers Text ist ein Vermächtnis.