Riad Sattouf entlarvt die Ideale der arabischen Welt

Mit «Der Araber von morgen» landete der Comic-Zeichner Riad Sattouf einen Bestseller. Die Aufarbeitung seiner Kindheit zwischen Frankreich, Libyen und Syrien wurde am Comic-Festival von Angoulême zum Album des Jahres gekürt.

Ein Ausschnitt aus dem Cover von «L'arabe du futur». Saddam Hussein ziert ein Poster. Vor dem Plakat geht ein Paar. Der Mann trägt ein Kind auf den Schultern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Manchmal lustig, manchmal nicht: «L'Arabe du futur» handelt davon, wie es ist, als blondes Kind in Syrien aufzuwachsen. Knaus Verlag

«Als kleiner Junge verbrachte ich zehn Jahre in Syrien, bevor ich nach der Scheidung meiner Eltern nach Frankreich zurückkehrte. Ich habe also eine doppelte Perspektive auf zwei Kulturen – und bis heute habe ich es nicht geschafft, mich in die eine oder andere zu integrieren.»

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Zu «Der Araber von morgen»

Im Comic entlarvt Sattouf die Diskrepanzen zwischen Idealen und Realität und zelebriert alltägliche und gesellschaftliche Abstrusitäten. Das ist hochkomisch – und viel mehr: Die Autobiographie gibt Einblick in autoritär beherrschte arabische Länder um 1980, was zum besseren Verständnis der aktuellen Situation beiträgt.

Riad Sattouf, 37, schmächtig und mit kurz gestutztem Vollbart, grinst selbstironisch und bringt seine elektrische Zigarette zum Glühen. Im Atelier, das er mit anderen Comic-Grössen wie Joann Sfar und Christophe Blain teilt, ist es eng. Film-Plakate zieren die Wände, auf den Bücherregalen stehen zwischen Comics und DVDs die zahlreichen Preise, die Sattouf für seine Arbeit gewonnen hat. Von draussen hört man die Atmosphäre des multikulturellen 20. Pariser Arrondissements.

Eine Beschneidung und ihre juristischen Folgen

Ob als Comic-Autor oder als Filmregisseur: Riad Sattouf wird in Frankreich längst als grossartiger Humorist gefeiert. Im deutschen Sprachraum bleibt er noch zu entdecken. Die Qualität seines Humors rührt nicht zuletzt von seiner Aussenseiterrolle her: Ob er Frankreich oder die Welt des Islam beobachtet – er tut es mit einem unbestechlichen Witz, der ihm auch schon Probleme bereitete.

So wurde er wegen des brillanten «Meine Beschneidung» – eine haarsträubend komischen Abrechnung mit dem schmerzhaften Schnitt, dem er sich als Achtjähriger unterziehen musste, und vor allem mit der autoritären Buben- und Männerwelt im ländlichen Syrien – vor die französische Justiz zitiert: «Mir wurde vorgeworfen, ich vermittle ein zu negatives Bild meines Vaters. Eigentlich unglaublich, dass man in Frankreich einem Buch so einen Vorwurf machen kann … Diese Affäre hatte aber auch ihr Gutes: Sie machte Charlie Hebdo auf mich aufmerksam.»

Riad Sattouf trägt ein graues Hemd und eine randlose Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sein Vater wollte zur Modernisierung Arabiens beitragen. Deshalb verbrachte Riad Sattouf seine Kindheit dort. Olivier Marty

Eine wöchentliche Seite für «Charlie Hebdo»

Das war 2004. Zehn Jahre lang zeichnete Sattouf Woche für Woche für «Charlie Hebdo» eine Seite aus «La vie secrète des jeunes» (Das geheime Leben der Jugend), eine schonungslose, auf Belauschtem und Beobachteten basierende Realsatire der Jugend zwischen Nobelquartier und Ghetto. Im Oktober 2014, nur drei Monate vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo, schloss Sattouf diese Serie ab. Er wollte sich ganz auf die Fortsetzung von «Der Araber von morgen» konzentrieren.

Der Islam ist Teil von mir

Der Tod seiner Freunde und Kollegen wird nichts an seiner Haltung ändern: Die Frage nach Kultur und Identität, die Begegnung von Okzident und Orient bleiben seine Themen – vermutlich noch konsequenter als bisher.

«Allerdings reizt mich nicht die direkte Auseinandersetzung mit Religionen und Propheten», betont Sattouf, «mich interessiert vielmehr, wie sich die Menschen der Religion gegenüber verhalten. Ich verspotte nicht die Religion, sehr wohl aber ihre Hüter. Und das sollte doch kein Problem sein.» Ohnehin dürfe er das: «Meine ganze Familie väterlicherseits ist muslimisch, diese Welt ist Teil von mir, und deshalb brauche ich keine Rücksicht zu nehmen.»

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Buchhinweis

Riad Sattouf: «L'arabe du futur. Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984)», Knaus Verlag, 2015.

Lieber in Frankreich leben …

Damit sind wir wieder bei der Frage nach der Identität. «Oh», sagt Riad Sattouf mit einem leichten Schulterzucken, «ich fühle mich weder als Franzose noch als Syrer. Allerdings vermute ich, dass mein kritischer Blick, meine Haltung der Wirklichkeit gegenüber, mein Individualismus auch, doch eher in einer europäischen Tradition stehen. Ich empfinde aber weder eine ausgeprägte Sympathie für die eine oder andere Kultur.»

Er bringt die elektrische Zigarette wieder zum Glühen und fügt mit einem charmanten Lächeln an: «Aber ich ziehe das Leben in Frankreich dem in Syrien natürlich vor. Und ich bin überzeugt, die meisten meiner syrischen Cousins würden auch lieber in einem Land wie Frankreich leben.»

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.2.2015, 17.10 Uhr