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Roman «Alles Liebe» In Ronja von Rönnes neuem Roman lügen die Figuren um ihr Leben

Sie sehnen sich nach Aufmerksamkeit und Nähe. Ihr Mittel zum Zweck sind immer dreistere Lügengeschichten. Ronja von Rönne führt in ihrem neuen Buch «Alles Liebe» vor, wie weit Menschen für etwas Zuneigung gehen – und seziert nebenbei gesellschaftliche Konzepte von Lüge, Wahrheit und Liebe.

Laura beginnt schon während ihrer Schulzeit mit Lügen im grossen Stil. Als Schülerin ist sie unbeliebt. Als ihre einzige Freundin Miriam eine Leukämiediagnose erhält und für die Chemotherapie stationär ins Spital einrücken muss, wird Laura zur einzigen Schnittstelle zwischen Miriam und dem Schulbetrieb.

Alle wollen Informationen über Miriams Zustand – und Laura wird süchtig nach der Aufmerksamkeit, die sie plötzlich bekommt.

Die «tote Tante» als Glücksfall

Später, im Jahr 2001, bestimmt der Anschlag vom 11. September aufs World Trade Center alle Gespräche in der Schule. Laura analysiert nüchtern: «Mit einer krebskranken Freundin brauchte ich nicht mehr kommen, deswegen erfand ich eine Cousine, die den Anschlag nur knapp überlebt hatte und selbst Augenzeugin gewesen war.»

Die Mutter dieser erfundenen Cousine sei seit dem Attentat verschollen, erzählt Laura ihrer Klasse. Die erhoffte Aufmerksamkeit kommt sofort. Mittlerweile weiss Laura aber auch, dass eine solche Geschichte eine Auflösung braucht – als ihr die Fragen zu detailliert werden, erklärt sie die Tante kurzerhand für tot.

Die um ihr Leben lügen

Die fünf Teile des neuen Romans von Ronja von Rönne besitzen je eigene Hauptfiguren. Sie drehen sich alle ums Lügen und darum, was Liebe oder die Sehnsucht, geliebt zu werden, damit zu tun haben könnten.

Schnell wird klar, dass in keinem Fall die pure Lust an der Hochstapelei der Grund ist für das ungehörig anmutende Verhalten dieser Menschen: Wir lesen hier von Verzweifelten, die buchstäblich um ihr Leben lügen.

Buchhinweis

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Ronja von Rönne: «Alles Liebe». dtv, 2026.

Sie sind ausgegrenzt wie Laura, gefangen in toxischen Beziehungen, oder sie sind frustriert wie der Journalist Matti. Der merkt, wie eine Kollegin mit schlecht recherchierten und unwahr ausgeschmückten Geschichten viel erfolgreicher ist als er.

Komplizen wider Willen

Von Rönne bewertet beim Erzählen nicht, was ihre Figuren tun oder welche Entscheidungen sie in ihren Lebenssituationen treffen. Beim Lesen ist man deren ungeschönter Gedankenwelt ausgesetzt – und entsprechend auch mal vor den Kopf gestossen, weil man sich unfreiwillig als Komplizin oder Komplize fühlt.

Ronja von Rönne lässt ihre Figuren diese Lügen nicht nur erfinden, sondern sie lässt sie häufig auch damit durchkommen. Darum stellt sich der Impuls, einer Laura oder einem Matti laut «Wie könnt ihr nur?» zuzurufen, beim Lesen mehr als einmal ein.

Plötzlich ist der Boden weg

Gegen Ende zeigt sich, wie sorgfältig von Rönne ihre einzelnen Geschichten miteinander verknüpft hat. Zu dem Zeitpunkt hat sie ihr Publikum unversehens schon weit aufs philosophische Glatteis zwischen Lüge, Wahrheit, Liebe und Moral geführt: Was von dem, was wir hier lesen, ist wirklich verwerflich? Was kriminell? Und was vielleicht einfach menschlich?

Von Rönne legt verschiedene Ebenen von «richtig» und «falsch» übereinander und macht durch ihre Geschichten unmittelbar erfahrbar, wo diese grossen gesellschaftlichen Konstrukte an ihre Grenzen stossen. Darüber könnte man bändeweise kopflastige Essayistik publizieren.

Stattdessen ist «Alles Liebe» ein grosses Lesevergnügen, das zum Nachdenken anregt – nicht zuletzt dank von Rönnes unverblümtem und temporeichem Stil, der die Grenzen des Makabren und Grotesken zum Glück nicht scheut.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 10.7.2026, 17:20 Uhr

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