Zum Inhalt springen
Inhalt

Roman über rechte Szene «Untergegangene, traurige Scheisse»

Der ostdeutsche Jungautor Lukas Rietzschel ergründet in seinem Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» den Nährboden rechter Gewalt.

Legende: Audio «Mit der Faust in die Welt schlagen» von Lukas Rietzschel abspielen. Laufzeit 42:13 Minuten.
42:13 min, aus 52 beste Bücher vom 25.11.2018.

Dieser Roman tut weh. Besonders, wenn man Sätze lesen muss wie diese: «Dumme Menschen und Ausländer pflanzen sich schneller fort als normale und überhaupt Deutsche.» Oder: «Wöchentlich landeten die Untermenschen am Strand von Sizilien.»

Diese Äusserungen geben das Gedankengut von jungen Männern der Neonazi-Szene in Sachsen wieder, die Lukas Rietzschel in seinem Roman zum Thema macht. Er erzählt von jenen Kreisen, die zum letzten Mal im vergangenen Sommer in Chemnitz mit fremdenfeindlichen Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen schockiert haben.

Gewalt in Sachsen

Sachsen hat nicht erst seit Chemnitz ein Problem mit Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit. Noch in Erinnerung sind etwa die rassistischen Übergriffe in Hoyerswerda, wo 1991 Wohnheime von Ausländern in Flammen aufgingen. Andere Übergriffe folgten.

Seit der letzten Bundestagswahl ist in Sachsen die Partei der Rechtspopulisten mit rechtsextremen Tendenzen am stärksten: die AfD. In Sachsen gründete sich die islamfeindliche Pegida-Bewegung.

Der 1994 geborene Autor Lukas Rietzschel sucht in seinem Romanerstling nach den Gründen, dass junge Menschen in den Sog des Rechtsextremismus geraten. Der Autor weiss, wovon er spricht: Er ist selbst in der Region Oberlausitz aufgewachsen, in der sächsischen Provinz ganz im Osten des Landes.

Atemloses Staccato

Rietzschels Sprache kennt keine Schnörkel. Sie ist ein Staccato von Hauptsätzen. Sie kommen oft ohne Verb aus. Die Schilderung wirkt atemlos, wenn er von seinen beiden Hauptprotagonisten erzählt, den beiden Brüdern Philipp und Tobias.

Demonstranten in Sachsen. Sie tragen deutsche Fahnen.
Legende: Rietzschels Buch ist Fiktion und doch Realität: Rechte Demonstranten nach der Messerstecherei in Sachsen (27.08.2018). Keystone / Jan Woitas

Er begleitet die beiden während 15 Jahren, von 2000 bis 2015. Mit grosser Glaubwürdigkeit schildert er, wie die beiden Jungen in einem Dorf in der sächsischen Provinz aufwachsen. Die Eltern glauben nach der Wende zunächst an die «blühenden Landschaften», die ihnen die Politik verspricht.

«Untergegangene, traurige Scheisse»

Eindringlich zeigt der Roman, wie sich die Versprechen mehr und mehr als Mär erweisen: Wie im Kaff die alte DDR-Fabrik schliesst, dann die Bäckerei, die Apotheke, die Schule. Einzig ein Autohaus wird neu eröffnet. Wer kann, wandert ab.

Buchhinweis

Lukas Rietzschel: «Mit der Faust in die Welt schlagen.» Ullstein, 2018.

Die Arbeitslosigkeit explodiert. Sie ist heute in der Oberlausitz bei über sieben Prozent. Doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt. Die Menschen verfallen in Depression: «Dieses ganze eingefallene, verlassen Zeug. Untergegangene, traurige Scheisse. Kein Mensch auf der Strasse. Abriss und Leerstand.»

Die Leere

Alles geht kaputt – am meisten die Wirtschaft und mit ihr die Hoffnung auf eine Zukunft. Die Familie der Brüder zerfällt. Das zu Beginn des Romans bezogene neue Haus am Dorfrand lässt sich nicht mehr halten.

In Philipp und Tobias wächst die Ohnmacht. Und die Perspektivlosigkeit. Die Wut und der Hass. Worauf eigentlich?

Irgendwie auf alles: auf die Politik, den Westen, die EU, die sorbische Minderheit in der Region. Und dann vor allem auf die Flüchtlinge, die im Sommer 2015 zu Tausenden in Deutschland ankommen.

Die Nazis als Ausweg

Die örtliche Naziclique bietet Heimat. Gemeinsames Herumhängen. Gemeinsam Besäufnisse. Gemeinsames Schimpfen. Hakenkreuz-Schmierereien.

Ein Gruppe von rechtsextremen Demonstranten mit roten T-Shirts.
Legende: Woher kommt die Wut? Eine Frage, die Lukas Rietzschel in seinem Debütroman behandelt. (Bild: Demo in Chemnitz, 1.5.2018) Reuters / Matthias Rietschel

Dann trennen sich die Wege der Brüder. Der Ältere, Philipp, schafft im letzten Moment den Ausstieg. Er will es trotz allem als Berufsmann versuchen.

Dem Jüngeren, Tobias, fehlt hierfür die Kraft und wohl auch die nötige Reife. Auf die empfundene Leere lässt sich nur mit Gewalt antworten. So glaubt er: dreinschlagen – mit der Faust «in die Welt».

Ein Roman, der von der Realität erzählt

Lukas Rietzschels Roman liest sich mit wachsendem Entsetzen. Junge Menschen geraten in den Strudel des Verhängnisses. Und niemand greift ein. Wer könnte dies denn überhaupt? Und wie?

Klar: Der Roman ist Fiktion. Aber er erzählt von der Realität – in der Oberlausitz, in Sachsen, in anderen deutschen Bundesländern und auch anderswo. Und das ist es, was dieses Buch so dringlich macht.

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Cornelia Marthaler (Cornelia Marthaler)
    Klingt nach einer ideologisch verbrämten "Analyse" mit dem Holzhammer. In Chemnitz wurde in erster Linie demonstriert gegen den Umstand, dass das deutsche Rechtssystem zum wiederholten Mal total versagt hat und ein grausames Verbrechen verübt wurde durch einen Menschen der gar nicht in Deutschland hätte sein dürfen. Übrigens gibt es im Osten Deutschlands anteilsmässig mehr Gewaltdelikte durch Migranten als im Westen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      C. Marthaler, sieht man sich die überwiegenden "Ablehnungen" an, muss man neidlos zugeben, dass linke Desinformation ausgezeichnet funktioniert. Diese Leser haben wahrscheinlich gar noch nicht mitbekommen was es mit der beispiellosen Lüge um Chemnitz auf sich hat. Das Schweigen der MSM über die wahren Umstände des Videos "Hase, du bleibst hier" werden sie nie erfahren, da sie sich nicht dafür interessieren. So ist eine Lüge dreimal um die Welt, während sich die Wahrheit noch die Schuhe bindet.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Reto Camenisch (Horatio)
      Sie haben den Bericht überhaupt nicht gelesen, sonst hätten sie nicht nur diesen einen Fall herausgepickt. Uebergriffe von rechts gab es schon lange vorher.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Herr Camenisch, was sagen Sie aber zu diesem einen von mir aufgegriffenen Fall einer gewaltigen Lüge, welche unkorrigiert und unentschuldigt Hetzjagden und gewalttätigen Rassismus herbeilog? Die Sache im Allgemeinen (proportionale Wahrnehmung von linkem und „rechtem“ Extremismus) füllte schon Bibliotheken, mir stehen aber nur 500 Buchstaben zur Verfügung. „Rechte“ in Anführungszeichen, weil selbst diese Bezeichnung schon fragwürdig ist, falls man damit Neo-Nazionalsozialisten meint.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Rassismus ist in den neuen Bundesländer stark verbreitet.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      Herr Camenisch,natürlich gab es rechte Übergriffe schon lange vorher seit die NPD 1964 in Hannover gegründet wurde oder die RAF ihr Unwesen trieb und doch kann man nicht ein ganzes Bundesland in Sippenhaft nehmen und als Rechts abstempeln.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von René Baron (René Baron)
    Zitat: "Lukas Rietzschels Roman liest sich mit wachsendem Entsetzen" Und vermutlich liegt genau in diesem Satz das eigentliche Problem. Es zeigt wie eine westliche "Elite" sich am Schreibtisch und im Netz eine eigene, weltfremde Sicht der Dinge zusammengeschustert hatte, ohne jemals direkt mit den Betroffenen und Protagonisten in den Dialog zu kommen. Schön wie es "entsetzt", wenn endlich klar wird, dass die Realität eine andere und eine viel wirklichere ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Dominik Treier (Dominik Treier)
      Nur die Frage wie wir das lösen wollen... Wie die Rechte mit ihrer neoliberalen Egoistenideologie, in welcher der Stärkere oder meist der mit mehr Glück überlebt und der Staat nur dazu da ist die Ungerechtigkeit mit aller repressiven Härte zu verteidigen? Wahrer liberalismus wäre für mich eine kombination mit Sozialem wo jeder genug zum Leben als Grundeinkommen erhällt, sich bilden darf wie er will und die Chancen etwas aus seinem Leben zu machen ausgeglichen werden!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Schön, Herr Dreier, ich nehme an, Sie wären bereit mir eine solche „Entfaltung“ zu finanzieren, oder gehen Sie von der umgekehrten Vorstellung aus?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen