Zum Inhalt springen

Header

Audio
«Raubt den Atem»: Nicola Steiner über «Tierreich»
Aus Kultur-Aktualität vom 30.07.2019.
abspielen. Laufzeit 05:16 Minuten.
Inhalt

Roman über Schweinezucht Der Mensch ist das grösste Schwein im Stall

In «Tierreich» erzählt von Jean-Baptiste Del Amo von 5 Generationen Schweinezüchtern. Drastisch – und ungeheuer packend.

Eine Warnung vorweg: Beim Lesen des neuen Buchs des französischen Autors Jean-Baptiste Del Amo kann einem durchaus die Lust auf Fleisch vergehen.

Dann «Tierreich», das vierte Buch des Prix-Goncourt-Preisträgers, ist – der Kalauer passt – harte Kost.

Schweinezucht über Generationen

Del Amo erzählt darin die Geschichte einer französischen Bauernfamilie, die sich fast ein Jahrhundert lang mit der Schweinezucht über Wasser hält. Der Roman setzt am Anfang des 20. Jahrhunderts ein, auf einem Hof mit einem Schwein. Er endet fünf Generationen später in den 1980er-Jahren, mit einer riesigen Schweinezucht-Industrie.

In diesem Mikrokosmos zeigt Del Amos Buch die ganze Geschichte der Unterwerfung des Tiers durch den Menschen auf.

Ein Roman, der Grenzen überschreitet

Sprachlich ist das ungeheuer sinnlich umgesetzt. So vermag Del Amo etwa alle denkbaren Gerüche zu beschreiben.

Video
Der Literaturclub diskutiert Jean-Baptiste Del Amos «Tierreich»
Aus Literaturclub vom 25.06.2019.
abspielen

In der Handlung ist das Buch zudem so drastisch, dass es einem buchstäblich den Atem raubt. Wie Del Amo die Grenzen zwischen dem Dasein von Mensch und Tier verwischt, ist literarisch betrachtet eine Wucht.

Oft spielt der Roman mit dem Unzumutbaren und triggert das Gefühl des Ekels. So etwa mit einer Szene, in der die Bäuerin während der Arbeit im Schweinestall eine Fehlgeburt hat. Weil sie nicht weiss, wohin mit dem toten Fötus, wirft sie ihn den Tieren zum Frass vor.

Apokalyptische Warnung

«Tierreich» ist kein Buch für zarte Seelen. Trotzdem sollte man es sich unbedingt antun. Während der Mensch im Roman versucht, sich das Tier zu unterwerfen und es auszubeuten, fühlt man sich als Leserin manchmal selbst wie ein Schwein. Del Amo nimmt phasenweise sogar geschickt die Perspektive des Tieres ein.

Buchhinweis

Box aufklappenBox zuklappen

Jean-Baptiste Del Amo: «Das Tierreich», übersetzt von Karin Uttendörfer. Matthes & Seitz, 2019.

Daneben zeigt er auch die Trostlosigkeit des Zusammenlebens in dieser Gesellschaft, die geprägt ist durch Glauben und Aberglauben. Politik kommt kaum vor. Eben sowenig wie Wahlmöglichkeiten, mit wem man als Individuum wie verkehrt.

Der Roman endet denn auch apokalyptisch – als Menetekel, als unheilvolle Warnung an unsere Zivilisation.

Nicht in die Moralfalle getappt

Jean-Baptiste Del Amos Drastik fordert einen heraus, sich zum Geschilderten zu verhalten. Aber obwohl der Autor ein erklärter Tierrechtsaktivist ist, drängt «Tierreich» einem keine moralische Botschaft auf. Es wirft eher Fragen auf, als sie zu beantworten.

Das macht aus dem Roman keinen Sommerschmöcker – aber eines der literarischsten Bücher dieses Frühjahrs.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

18 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Menschliches Tun in "Forschung und Landwirtschaft" zur weiteren und noch schnelleren Produktion von "Fleischbergen": Genmanipulationen, brutale Enthornungen, damit Schwein, Rind, Geflügel und Co, noch enger beieinander, produktionsfähiger werden ,in noch kürzerem Zeitraum, Massentierhaltungs-Fabriken, immer noch mehr Nachwuchs pro Wurf (Schweine),(Schnellwachstums-Hormone, Antibiotika und Co, tonnenweise Futtermittel aus dem Ausland...! Zu erwähnen schlussendlich, die Schlachtmethoden....
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Nun dann ist es Zeit von meinem Lieblingsguru zu sprechen. Erstens er war Vegetarier, er war aber auch so verbunden mit den Tieren, dass sogar die Affenmütter zu ihm kamen und ihre Neugeborenen zeigten. Zu den Wildtieren wie Tieger sagte er einfach Boga, geh weg und sie gingen weg. Warum, nun weil erkenne Angst vor den Tieren hatte, er war Herr über seine Gefühle. Es gibt sie eben doch wenn man sucht, die Vorbilder.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Beni Fuchs  (Beni Fuchs)
      Fehlt nun nur noch die Info wer denn Ihr Lieblingsguru ist... :-)
  • Kommentar von Ralph Geier  (ChiefGeronimo)
    Mir ist die Geduld, Bücher zu lesen, abhanden bekommen, hoffe aber auf eine Verfilmung im Stil von "Das Parfüm", wobei dass ich - vorauseilend - den Einwurf bejahe, dass Bücher immer besser und intensiver sind; Verfilmungen sind für ungeduldige, wie ich inzwischen einer bin.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Beni Fuchs  (Beni Fuchs)
      Sprachkünste kann man nicht einfach so 1:1 auf einen Film übertragen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Buch einfach so verfilmt werden kann, ob da nicht das wertvollste verloren geht... (?) Nicht jedes Buch eignet sich für einen Film, und auch die wenigsten Filme werden den literarischen Vorlagen wirklich gerecht.
    2. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      In der Tradition Ihres Nicknames wäre eine mündliche Überlieferung, sprich jemand würde es Ihnen vorlesen, doch auch was ganz spezielles. Vielleicht sollten wir Erwachsenen uns gegenseitig und nicht nur unseren Kindern und Enkelinnen Bücher vorlesen ....? It could be magic.