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Roman von Jacqueline Harpman Wiederentdeckung dank Booktok: «Ich, die ich Männer nicht kannte»

Das Buch behandelt Themen wie Isolation, Macht und weibliche Selbstbestimmung – und wirkt heute aktueller denn je.

Manchmal wird die Weltlage am treffendsten in der Atmosphäre eines Romans beschrieben. Wie etwa 2022, als die Welt sich noch in der Wartezimmer-Situation der Pandemie befand. Die US-amerikanische Booktok-Community entdeckte den dystopischen Roman «Ich, die ich Männer nicht kannte».

Es war der Beginn einer grossen Wiederentdeckung. Was bei Booktok begann, überzeugt mittlerweile auch die klassische Literaturkritik. Der im Jahr 1995 erschienene Roman wurde nun neu ins Deutsche übersetzt. Einsamkeit, autoritäre Regimes, Donald Trump als US-Präsident, der Kampf um weibliche Selbstbestimmung: All diese zeitgenössischen Themen scheint dieser Text einzufangen.

Ein Leben im Käfig

Der Plot ist erst einmal beklemmend: ein unterirdischer Käfig, in dem 39 ältere Frauen und eine junge Frau gefangen sind. Verschwiegene Wächter – alle männlich – versorgen sie mit kargen Mahlzeiten und bestrafen die Frauen, wenn sie Körperkontakt zueinander aufnehmen. Warum sie eingesperrt sind, weiss keine von ihnen. Der Roman erzählt aus der Perspektive des Mädchens. Sie kann sich als einzige nicht an ein Leben ausserhalb des Käfigs erinnern. Nähe zu anderen Menschen, Gefühle, Sexualität sind Dimensionen, die sie nicht kennt.

Buchhinweis

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Jacqueline Harpman: «Ich, die ich Männer nicht kannte». Übersetzt von Luca Homburg. Klett Cotta, 2026.

Die geschlossene und unerklärte Situation kommt einem Trauma gleich: Die belgische Schriftstellerin Jacqueline Harpman, die 2012 starb, war auch Psychotherapeutin. Anklänge an die Shoa lassen sich finden. Harpman musste als Kind vor den Nationalsozialisten fliehen. Doch der rätselhafte Text lässt viele Lesarten zu. Das unerklärte Ausgeliefertsein der Frauen ist kafkaesk.

Häufig wurde das Buch auf Tiktok mit Margaret Atwoods berühmten «Report der Magd» verglichen. Eine Frage durchzieht den Roman ganz klar: was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Eines Tages öffnet sich der Kerker. Die Frauen verlassen ihn und finden sich in einer apokalyptischen, kargen Welt wieder, ebenso rätselhaft wie das Verliess. Der Roman behält seinen Sog, Harpman findet eine passende Sprache, emotionslos und nackt. Dieser existenzialistische Roman liefert uns immer neue Rätsel. Lesend ist man angetrieben von einer Hoffnung: dass die junge Frau im Leben noch findet, was das Menschsein ausmacht.

Unsere Zeit, unsere Welt stellt uns vor ähnliche Rätsel.
Autor: Lukas Bärfuss Schriftsteller

Auch die Kritikerrunde im aktuellen SRF-Literaturclub zeigt sich beeindruckt vom Roman, der durch Booktok in Erinnerung gerufen wurde. Für den Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss ist die Atmosphäre im Buch anschlussfähig an das Zeitgefühl: «Unsere Zeit, unsere Welt stellt uns vor ähnliche Rätsel. Dass wir nicht genau wissen, nach welchen Regeln sie funktioniert». Kritiker Wolfgang M. Schmitt erkennt im Text die Sehnsucht nach etwas Höherem. Die Autorin und Podcasterin Samira El Ouassil sieht neben dem starken Isolationsgefühl auch feministische und biopolitische Aspekte, die zum grossen Erfolg des Buches beitragen.

SRF 1, Literaturclub, 5.5.2026, 22:25 Uhr.

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