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«Weltwärts» – Gespräch mit Ina Boesch
Aus Kultur-Aktualität vom 01.05.2021.
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Schweiz und Kolonialismus Global vernetzt: die Geschichte einer Zürcher Kaufmannsfamilie

Die Schweiz profitierte schon früh vom kolonialen Wirtschaftssystem. Das beschreibt die Autorin Ina Boesch anschaulich am Beispiel ihrer eigenen Familie in ihrem neuen Buch «Weltwärts».

«Waren meine Vorfahren in den Sklavenhandel verstrickt?» Diese Frage stellte sich Ina Boesch, als sie im Werk eines Historikers über den Namen von Salomon Kitt stolperte. Der Zürcher Kaufmann soll im 18. Jahrhundert in der Karibik in koloniale Geschäfte verwickelt gewesen sein.

Der erste Zürcher in der Karibik

Die Recherche der Autorin fördert eine Geschichte zu Tage, die sich in manchen Passagen liest wie ein Abenteuerroman: Salomon Kitt musste seine Geburtsstadt und seine Familie für immer verlassen, nachdem sein Geschäft 1778 bankrott ging. So waren damals die Spielregeln. Also versuchte er sein Glück als erster Zürcher Kaufmann in der Karibik, auf der kleinen Insel St. Eustatius. Diese war damals eine niederländische Kolonie und ein Zentrum des Welthandels.

«Die Karibik war für einen europäischen Kaufmann im 18. Jahrhundert ein Eldorado», erzählt Ina Boesch. «St. Eustatius war dank der Lage ein riesiger Umschlagsplatz, wo sich viel Geld machen liess – wenn auch unter grossen Risiken.»

Auf der Insel wurden Produkte gehandelt, die in Europa heiss begehrt waren: Salomon Kitt schickte Kaffee und Zucker nach Hause, die auf karibischen Plantagen hergestellt wurden. Im Gegenzug verkaufte er hochwertige Textilien aus der Eidgenossenschaft.

Kein Sklavenhandel, aber Bodenspekulation

Kitt profitierte vom kolonialen System, auch wenn er nicht direkt mit versklavten Menschen handelte. Dabei empfahl ihm ein Geschäftspartner in einem Brief mit Nachdruck, er solle «unbedingt schöne Jugendliche» in sein Sortiment aufnehmen, «vorzugsweise Congos». Weshalb Salomon Kitt nicht auf diesen Vorschlag einging, dazu fand Ina Boesch keine Dokumente: «Leider hat er dieses Geheimnis ins Grab getragen», sagt sie.

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Was die Schweiz mit Sklavenhandel zu tun hatte
56:40 min, aus Treffpunkt vom 08.01.2021.
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Nachdem sein Geschäft auf St. Eustasius in die Brüche ging, weil die Briten den Niederländern den Krieg erklärten, zog Salomon Kitt weiter nach Nordamerika. Dort spekulierte er mit Land, das er Indigenen abgeknöpft hatte.

Das globale Dorf gab’s schon vor 500 Jahren

Ina Boesch ist weit gereist, um die Geschichte der Kaufleute Kitt zu recherchieren: in die Karibik, nach Nordamerika und nach Kairo, wo ihr Urgrossvater als Kaufmann tätig war. In ihrem Buch «Weltwärts» verfolgt sie vier Lebensläufe, die anschaulich zeigen, wie die globale Vernetzung den Alltag einer wohlhabenden Zürcher Familie prägte.

Legende: 1889 in Kairo: Hedwig Kitt, die Grossmutter von Ina Boesch, mit zweieinhalb Jahren. Hier und Jetzt

Schon um 1600 finden sich auf der Inventarliste eines Kaufmannsladens asiatische Gewürze und Gummiarabikum aus Afrika. Und in einem Kochbuch, das eine Vorfahrin um 1700 schrieb, sind Muskatblüten und Zimt ganz selbstverständliche Zutaten.

«Ich war sehr erstaunt, am Beispiel der Kitts zu sehen, wie früh, wie konstant und wie selbstverständlich diese Familie globalisiert war», sagt Ina Boesch. Ihr Buch «Weltwärts» gibt verblüffende Einblicke in die Alltagsgeschichte einer Zürcher Oberschichtsfamilie. Trotz der persönlichen Perspektive wird klar: Die Eidgenossenschaft war viel früher und stärker in die Kolonialwirtschaft eingebunden, als wir gerne wahrhaben wollen.

Buchhinweis:

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Ina Boesch: «Weltwärts. Die globalen Spuren der Zürcher Kaufleute Kitt». Hier und Jetzt, 2021.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 30.4.2021, 7:06 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Gut wenn für die eigene Geschichte so viel Zeit nehmen kann, während andere in Ihrer Arbeit den Lebensunterhalt finanzieren müssen. Leider waren alle in meiner Familie, seit Urgrosseltern, in ärmliche Verhältnissen aufgewachsen und arbeiteten für einen Hungerslohn. Unteranderem auch Textilfirmen. Als dann die Menschen mehr Geld verlangten, zogen die Firmen nach Asien, weil es günstiger war. Vielen Dank für die Arbeitlosenwelle und die Ausbeutung!
  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Gut wenn die Leute die selbst von der Kolonialisierung profitiert hatten, sich darüber Gedanken machen. Jedoch sollten diese Personen ebenfalls sich daran beteiligen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu mindern. Die Schweiz hat zwar profitiert, jedoch wurde durch die Bildung eben auch viel gutes getan. Die Schweiz ist immer noch einer der grössten Exporteure wenn es um Hilfeleistungen und Spenden geht.
  • Kommentar von Kurt Flury  (Simplizissimus)
    Ein Grossteil der ländlichen Bevölkerung und wohl auch der städtischen Bevölkerung waren zu dieser Zeit wohl eher arm und hatten selbst wohl gerade genug zu Überleben. Kann man diesen Leuten wirklich eine indirekte Beteiligung am Kolonialismus vorwerfen oder war es nicht eine kleine, sehr gut vernetzte Oberschicht in der Schweiz die dort, dafür aber kräftig mitmischte. Eine breitere Bevölkerungsschicht war wohl in der Textilindustrie in der Ostschweiz (Baumwolle) direkt involviert!