Science-Fiction aus China Der düstere chinesische Traum

Science-Fiction liegt in China derzeit im Trend. In einem Staat, der keine Kritik duldet, bietet das Erzählen von der Zukunft seltene Freiräume.

Eine chinesische Stadt im Smog. Die Hochhäuser schimmern durch den düsteren Smog, grell leuchtet eine digitale Schrifttafel mit chinesischen Zeichen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Science-Fiction-Romane aus China zeichnen eine düstere Zukunft. Keystone

China: Das ist ein Land mit luftverschmutzten Städten, verseuchten Flüssen und chemiebelasteten Böden. Ein Land, in dem das Internet zensiert wird und Menschenrechtsaktivisten im Gefängnis landen. Doch China ist auch ein Land, das sich rasant in die Zukunft entwickelt. Und das sich nicht davor scheut, Probleme wie den Klimawandel offensiv anzugehen.

China ist der grösste Förderer von Solarenergie. Bis 2019 soll jedes zehnte Auto, das in China verkauft wird, elektrisch betrieben sein. Schon heute gibt China mehr Geld für Forschung aus als die 28 EU-Staaten zusammen. 2022 wird China eine eigene bemannte Raumstation haben.

Die Partei schreibt die Zukunft vor

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Buchhinweise

Hao Jingfang. Peking falten. Elsinor 2017.

Liu Cixin. Die drei Sonnen. Heyne 2016.

Der mächtige Mann, der diese Politik steuert, heisst Xi Jinping. Am grossen Parteikongress, der diesen Mittwoch zu Ende gegangen ist, liess der chinesische Staatspräsident keinen Zweifel daran, dass China in Zukunft eine weltweite Führungsrolle beansprucht.

Es ist die Rede von einer «neuen Ära», in die der «Sozialismus chinesischer Prägung» nun eintrete. Die Pläne für diese «grosse Wiedergeburt der chinesischen Nation» reichen bis ins Jahr 2050.

Hochgestochene Begriffe gehören zu Xi Jinpings Programm. Seine Rede vom «chinesischen Traum» stellt unmissverständlich dem «amerikanischen Traum» eine selbstbewusste Alternative entgegen. Diesem «chinesischen Traum», der autoritäre Züge trägt, halten chinesische Science-Fiction-Autoren mit beharrlichem Ungehorsam ihre Alpträume entgegen.

«Peking falten»

Eine jener düsteren Zukunftsentwürfe liefert die junge Ökonomin und Physikerin Hao Jingfang. In ihrer Erzählung «Peking falten» entwirft sie eine Metropole, dessen Bewohner buchstäblich auf drei getrennten Schichten leben.

In einem 48-Stunden-Zyklus faltet sich die Stadt regelmässig mechanisch zusammen, um wieder eine neue Schicht aus dem Untergrund an die Oberfläche zu kehren. Stehen den reichen Pekingern so volle 24 Stunden an der Oberfläche zu, bleiben für die Ärmsten nur noch die Stunden in der Nacht übrig.

In diesem dritten Sektor lebt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in krasser Armut. Sie verrichtet für den Rest der Gesellschaft Arbeiten wie die Müllsortierung.

«Die Struktur der Welt, so ungerecht, wie sie ist. Die Perspektive wollte ich zeigen», sagt Hao Jingfang zu ihrer Erzählung, die 2016 mit dem internationalen Preis für Science-Fiction, dem Hugo Award, ausgezeichnet wurde. Dass ihr Buch in China nicht verboten wurde, liegt wohl am speziellen Status, den das Genre in der chinesischen Literatur geniesst: «In der Science-Fiction ist die Freiheit noch am grössten. Das läuft unter dem Radar. Da kann man sich mehr trauen», so Hao Jingfang.

Verstecke vor der Zensur

Die chinesischen Medien und Verlage sind entweder staatlich oder staatlich kontrolliert. Gemäss SRF-Chinakorrespondent Martin Aldrovandi ist in diesem Rahmen jede Äusserung, die als Kritik an der Zentralregierung oder am politischen System ausgelegt werden kann, grundsätzlich verboten.

Freiräume schaffen hier die Mechanismen der Verfremdung durch Science-Fiction. Wenn eine Geschichte in einer fernen Zukunft spielt, sind negative Gesellschaftsentwürfe eher zulässig.

Doch auch hier ist nicht alles erlaubt. Die Erzählung «My Homeland Does Not Dream» des Journalisten Han Song etwa ist verboten. Sie beschreibt eine Gesellschaft auf Drogen. Die staatlich verordneten Drogen ermöglichen es den Menschen, noch im Schlaf zu arbeiten, um so die ambitionierten Wirtschaftsziele der Regierung zu erreichen.

Porträt des Science-Fiction-Autor Liu Cixin Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Liu Cixin ist «Die drei Sonnen»-Trilogie feiert weltweit Erfolge. Imago/ Xinhua

«Die drei Sonnen»

Dass Science-Fiction in China derzeit einen Boom erlebt, ist nicht zuletzt dem Welterfolg des nordchinesischen Ingenieurs Liu Cixin zu verdanken. Im ersten Teil seiner Trilogie «Die drei Sonnen» erzählt er von einer jungen Astrophysikerin, die im Nachgang der chinesischen Kulturrevolution eine Botschaft der ausserirdischen Zivilisation Trisolaris entdeckt.

Obwohl der Erde eine Invasion durch die Trisolarier droht, schlägt sich die junge Astrophysikerin auf die Seite der Ausserirdischen. Nach all den Kriegsverbrechen und der Umweltzerstörung, die sie erlebt hat, entscheidet sie sich gegen die Menschheit. Denn nur von aussen, ist sie sich sicher, kann der Erde noch geholfen werden.

Kritik der anderen Art

Kritik an der Regierung ist nicht das primäre Ziel von Liu Cixin. Zwar legt Liu Cixin in «Die drei Sonnen» die Gräuel der Kulturrevolution und die Zerstörung der Natur schonungslos offen. Doch im Grunde ist diese Literatur schon einen Schritt weiter. Sie denkt bereits von einem globalen Standpunkt aus. Und darin ist sie der chinesischen Führung wiederum sehr nahe.

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