Historischer Roman Selbst der Kaiser von China kann die Zeit nicht überlisten

Christoph Ransmayr ist bekannt für seine exotischen Schauplätze. Sein neuer Roman spielt am Hofe des Chinesischen Kaisers. Eine Parabel auf die Vergänglichkeit, die Macht und die Liebe.

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Bildlegende: Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr schrieb ein Bestseller über Vergänglichkeit und Macht. S. Fischer Verlag/Magdalena Weyrer

Alister Cox ist einer der besten und berühmtesten britischen Uhrmacher seiner Zeit. Offenbar reicht sein Ruf bis weit in die Welt hinaus. Denn eines Tages suchen ihn zwei Gesandte des chinesischen Kaisers auf, um ihn an den Hof des Kaisers einzuladen. Sie finden ihn in tiefer Trauer am Totenbett seiner fünfjährigen Tochter Abigail vor, die an Keuchhusten gestorben ist. Zu allem Unglück ist seit dem Tod der Tochter auch noch seine Frau Faye verstummt und hat sich komplett von der Welt zurückgezogen.

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Der Autor

Christoph Ransmayr, wurde 1954 in Wels, Österreich geboren. Für seine Bücher, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschien der Roman «Cox oder Der Lauf der Zeit».

Herr über die Zeit

Cox nimmt den Auftrag an und reist mit drei Gehilfen per Schiff nach China. Von der Hafenstadt Háng Zhou geht es über den grossen Kanal in die Verbotene Stadt nach Beijing und von dort aus – nach einem kurzen Abstecher zur chinesischen Mauer – in die Sommerresidenz des Kaisers.

Lebenszeit ist das einzige Gut auf der Welt, das sich nicht vermehren lässt. In «Cox oder Der Lauf der Zeit» zeigt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr, wie schwer es dem Menschen fällt, diese Tatsache als gegeben anzuerkennen. Denn der Kaiser von China – selbst Herr über die Zeit – versucht, diese zu überlisten.

Eine Geschichte wie ein Uhrwerk

Indem er Alister Cox und seinen drei Gehilfen den Auftrag erteilt, Uhren zu bauen, die die Zeit-Wahrnehmung eines Kindes oder die eines Sterbenden abbilden. Und sogar eine, die bis in die Ewigkeit hinein schlagen soll. Wind, Glut und Quecksilber sind der Motor dieser Konstruktionen.

Ein Uhrmacher, der eine Uhr konstruieren soll, die die subjektive Wahrnehmung eines Menschen abbildet – ein Paradoxon, dem sich Ransmayr einfallsreich und mit grossem stilistischen Können nähert. Der Autor spielt mit der Sprache wie sein Uhrenkonstrukteur mit der Messung von Zeit: Er verdichtet sie mit Alliterationen und Konsonanten-Clustern zu einem poetischen märchenhaften Ton. Bricht sie wieder, dehnt und strafft die Geschichte um Cox und den Kaiser von China.

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Buchhinweis

Christoph Ransmayrs «Cox oder Der Lauf der Zeit» erschien 2016 beim S. Fischer Verlag.

Konkubinen und Grössenwahn

Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein, trotzdem haben sie sehr viel gemeinsam. Den Wunsch nach Unsterblichkeit und die Zuneigung zu Ān, der wichtigsten der 3000 Konkubinen des Kaisers:

«Es war ihr Blick, die unverwechselbare Art, wie diese Augen Cox ansahen und wie sich in ihnen ein im Wind geblähtes Segel, das Ufer, die Weite der träge vorüberziehenden Felder zu spiegeln schienen, so, als müsste diese Frau nur ihre Augen schliessen, und alle Spiegelbilder, Dinge und Lebewesen verschwänden… Ja, das war es, das musste es gewesen sein: als wäre dieser Blick der Ursprung, an den jede perspektivische Linie der sichtbaren Welt zurückführte.»

Ransmayrs Roman ist eine Parabel auf das Vergehen von Zeit, das Vergehen von weltlicher Macht und Machtstrukturen generell und das Aufeinanderprallen von Kulturen, verpackt in einen historischen Roman. Und es ist ein Buch über die Kraft der Liebe, über den Grössenwahn der Wissenschaft und darüber, das Erzählen immer auch ein Versuch sein kann, die Zeit zu überlisten.

Sendung: «52 Beste Bücher», 8. Januar 2017, 11:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 15.11.2016 22:25

    Literaturclub
    Perspektivenwechsel: Der Literaturclub im November

    15.11.2016 22:25

    Nicola Steiner, Martin Ebel, Christine Lötscher und als Gast Denis Scheck diskutieren im November über Ian McEwan: «Nussschale», Sabine Gruber: «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks», Christoph Ransmayr: «Cox oder der Lauf der Zeit» und über Gerhard Falkner: «Apollokalypse».