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Literatur So kraftvoll wie schonungslos: der Roman «Der Löwensucher»

Kraftvoll und schonunglos: Kenneth Bonert erzählt in «Der Löwensucher» die wechselvolle Geschichte des jüdischen Einwanderers Isaac Helger, der sich im Johannesburg der 1930er-Jahre inmitten von Wirtschaftskrise, Rassismus und Gewalt behaupten muss.

Ein Löwe läuft durch den Dschungel.
Legende: Der Löwe fragt nicht, er nimmt sich, was er braucht. Ob Romanfigur Isaac Helger das Zeug dazu hat, ein Löwe zu sein? Reuters

«Bladerfool» – so klingt das englische Schimpfwort «bloody fool» aus dem Mund der jüdischen Mame Gitelle Helger, die des Englischen kaum mächtig ist. «Bladerfool» steht als Chiffre für all das, was ihr Sohn Isaac unter allen Umständen vermeiden muss. Denn es gibt in der Welt die Klugen und die Dummen. Die Klugen werden reich und mächtig, die Dummen bleiben Packesel.

Flucht vor der Judenverfolgung in Litauen

Die Helgers sind jüdische Einwanderer in Südafrika. Vater Abel hat das heimische Dorf Dusat in Litauen bereits früher verlassen, seine Frau Gitelle und die Kinder Isaac und Rively kommen 1924 nach. Die Familie ist vor dem wachsenden Judenhass in Litauen nach Johannesburg geflohen – wie Tausende andere litauische Juden.

Im Lauf der Jahre erfährt Isaac die Wahrheit über das Geheimnis, das hinter der mächtigen Narbe im Gesicht seiner Mutter verborgen liegt. Er erfährt, was an jenem 17. April, lange vor seiner Geburt, geschah, als Gitelle in einem grässlichen Pogrom körperlich und seelisch versehrt wurde.

Erinnerungen an das «Schtetl»

Porträt von Kenneth Bondert in schwarzem T-Shirt.
Legende: Autor Kenneth Bonert, geboren in Johannesburg, liess autobiografische Elemente in seinen Roman einfliessen. © Richard Dubois

Die Erinnerungen der jüdischen Gemeinde im Johannesburger Stadtteil Doornfontein malen dem Leser auch ein Bild von der Schönheit und Geborgenheit des litauischen «dahajm».

Der Autor Kenneth Bonert wuchs in den 1970er-Jahren in Johannesburg selbst mit einer Grossmutter auf, die aus Dusat kam, nur Jiddisch sprach und ihm einen direkten Draht zu der versunkenen Welt des jüdischen «Schtetl» vermittelte – das sei ein Geschenk gewesen, sagt er.

Aber die Romanfigur Mame Gitelle ist dennoch ganz anders als Kenneth Bonerts reale Grossmutter war. Das Erzählte wirkt enorm authentisch, weil viele der Figuren, Orte und Ereignisse ein reales Vorbild haben. Zu einem Roman mit elementarer Kraft wird «Der Löwensucher» dank Bonerts Erzählkunst und seinem Gespür für Dramaturgie.

«Bist du ein Schaf oder ein Löwe?»

Isaac bleibt lange Jahre ein Spielball der Kräfte und Ansprüche, die um ihn herum walten: Vater Abel möchte, dass er einen anständigen Beruf erlernt. Mutter Gitelle erwartet von ihm wirtschaftlichen Erfolg, damit ihre Schwestern aus Litauen geholt werden können. Seine Geliebte Yvonne, Tochter einer stinkreichen, englischstämmigen Familie, benutzt ihn als Feigenblatt für ihre romantischen, egalitären Ideen. Mit dem Nachbarn Magnus Oberholzer, einem «Greyshirt», wie sich die südafrikanischen Nazis in den Dreissigerjahren nannten, ficht Isaac über Jahre hinweg einen epischen und brutalen Kampf aus.

Sein Geschäftspartner Hugo, ein begnadeter Schwätzer, nur leider den Pferdewetten verfallen, ruiniert gleich mehrfach die gemeinsame Firma. Schliesslich stellt ihn Avrom, ein bisher unbekannter Verwandter, vor die Frage, ob er Schaf oder Löwe sein wolle: Der Löwe frage nicht, sondern nehme sich, was er brauche.

Gelten unsere Grundwerte noch?

Wie in einer griechischen Tragödie muss Isaac nun Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die Menschen zugrunde richten und für die er viel später schwer büssen muss.

Kenneth Bonert rüttelt mit seinem Erstlingsroman an unseren gesellschaftlichen Grundwerten. Schonungslos zeigt er uns Menschen, die in einer brutalen, unethischen Gesellschaft jenseits von Menschlichkeit und Gerechtigkeit leben müssen. Ob ihr Handeln richtig oder falsch war – darüber richtet der Autor klugerweise nicht. Diesen Entscheid überlässt er uns Lesenden.

Buchhinweis

Kenneth Bonert: «Der Löwensucher». Diogenes Verlag, 2014.

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