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Solothurner Literaturtage 2026 «Schlich ein Puma in den Tag» gewinnt Kinder- und Jugendbuchpreis

Der Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis geht dieses Jahr an das Werk «Schlich ein Puma in den Tag». Eine berechtigte Auszeichnung für ein grossartiges Buch, das zeigt, was Kunst sein kann – und wie man zur Künstlerin werden kann.

Der aufwendig gestaltete Band hat das Potenzial zum Klassiker. Man nimmt ihn immer und immer wieder gerne in die Hände, entdeckt neue Details, taucht ein, lässt die Gedanken schweifen – und wird beflügelt. Ein Band, den man von Generation zu Generation weitergibt. Den man aus dem Regal zieht – egal, ob man 9 oder 90 Jahre alt ist.

In «Schlich ein Puma in den Tag» kann man beobachten, wie Kunst entsteht. Wortkunst und Bildkunst. Und man kann sich inspirieren lassen für das eigene Leben und das eigene künstlerische Schaffen.

Grüner Frosch auf einem Ast, künstlerisch gezeichnet.
Legende: Das Buch zeigt den Prozess der Kreativität und kombiniert fünf Gedichte und Tierporträts, denen man beim Entstehen zusehen kann: den Puma, den Laubfrosch, den Kugelfisch, den Leguan und die Schleiereule. Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter

«Man könnte sagen, dass das Buch den zarten Sound eines ermutigenden Flüsterns hat. Es ist ein langsames Buch, das einen durch seinen Rhythmus in Bild und Sprache verführt», sagt Adriano Montefusco, Jurymitglied des diesjährigen Kinder- und Jugendbuchpreises. Trotz dieser Langsamkeit und auch der Zartheit der Farben entwickle das Buch eine gewaltige Kraft, der man sich nicht leicht entziehen könne.

Zu den Künstlerinnen

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Verena Pavoni (geb. 1965) ist eine Malerin, in der Nähe von Zürich aufgewachsen. Sie hat die damalige Kunstgewerbeschule und später die F&F-Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich besucht, liess sich im In- und Ausland weiterbilden. Heute lebt und arbeitet sie in Basel und Südfrankreich.

Lena Raubaum (geb. 1984) schreibt für Kinder und für Erwachsene. Für ihr literarisches Schaffen hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Unter anderem wurde sie für den renommierten Astrid Lindgren Memorial Award nominiert. Sie lebt in Wien.

Franziska Walther (geb. 1980) ist promovierte Designerin, Buchautorin, Illustratorin und Podcasterin. Ihre Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit der Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie lebt in Finnland.

Gedichte ergänzen Tierporträts

Das Buch besteht aus fünf Gedichten, die beim Umblättern entstehen. Auf jeder Seite wird eine neue Zeile hinzugefügt. Ermutigende Gedichte, die die Leserschaft animieren, den eigenen Gefühlen zu vertrauen und etwas zu wagen. Jedes Gedicht endet mit einer Pointe, einer Frage oder einer Einladung.

Parallel dazu erscheinen mit der Technik des Wachskreide-Sgraffito fünf Tierporträts: ein Puma, ein Laubfrosch, ein Kugelfisch, ein Leguan und eine Schleiereule.

Die Tiere werden zuerst gezeichnet, mit weisser und anschliessend mit schwarzer Kreide übermalt, um dann selektiv wieder freigekratzt zu werden. Gemälde mit vielen Finessen – so lebensnah, dass man fast erwartet, die Tiere dem Buch entsteigen zu sehen.

Auch hier steht die Ermutigung im Vordergrund: Vom Puma lernt man, aus dem Schatten zu treten, vom Frosch, zu springen und vom Leguan, etwas abzustreifen.

Aber man kann auch spielerisch umgehen mit diesem Buch: Es lässt sich sogar rückwärts lesen. So verschwinden die Gedichte langsam, und die Tiere verwandeln sich zurück in ihre Ursprungsversion. Und am Ende findet sich eine Anleitung, wie man ein eigenes Kratzbild oder ein eigenes Gedicht entstehen lassen kann.

Den schwarzen Schleier wegkratzen

Dass das Buch ein Gesamtkunstwerk ist, ist auch seiner aufwendigen Gestaltung geschuldet, zum Beispiel in Bezug auf Farbkomposition und Papierqualität. Erstaunlich: Der Band ist nicht viel grösser als ein A4-Format, wirkt aber mächtiger. Schon das Cover ist magnetisch: Das scharf beobachtende Auge eines Pumas, dessen Körper sich im Dunkeln nur erahnen lässt, lässt einen nicht mehr los.

Illustration einer Schleiereule vor einem dunklen Hintergrund.
Legende: Die Schleiereule am Ende des Kratz-Prozesses – ohne schwarzen Schleier. Am Ende erhalten die Lesenden eine Anleitung, wie sie ihr eigenes Tier-Kratzbild erstellen können. Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter

Apropos Dunkelheit. Für Jurymitglied Adriano Montefusco steckt dahinter eine aktuelle Botschaft: «Wir leben heute in einer Zeit, in der das Dunkle sich immer wieder über unsere Alltagserfahrung schieben will. Und so, wie die Illustratorin die Bilder, die schwarz übermalt werden, immer wieder freikratzt, ist es wohl unsere Aufgabe, den schwarzen Schleier immer wieder wegzukratzen in unserem Leben und die Farbe ans Licht zu bringen.»

«Schlich ein Puma in den Tag» vereint vieles: zeitlose Kunst, ermutigende Literatur und praktische Anleitung. Der Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ist mehr als verdient. Auch, weil das Werk Rüstzeug bietet, das man jedem Kind schenken möchte.

Die weiteren nominierten Werke

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  • «Herschel, der Gespensterhund» von Thomas Meyer (Text) und Magali Franov (Illustration): Familie Mick muss ihren geliebten Hund Herschel einschläfern. Alle sind sehr traurig, bis Luise merkt, dass Herschel sie weiterhin begleitet, sichtlich verjüngt und sehr vergnügt. Die tröstliche Botschaft und die liebevollen Illustrationen in warmen Farben zeichnen dieses Bilderbuch aus.
  • «Jean-Blaise papa poule» von Émilie Boré (Text) und Vincent (Illustration): Kater Jean-Blaise und Goldfisch Tsubasa werden Eltern der kleinen Schlange Aleksssandre. Mit viel Humor und skurrilen Einfällen wird in diesem Bilderbuch-Comic unter anderem von einem überbehütenden Vater in einer harmonischen Patchworkfamilie erzählt.
  • «Le petit roi» von Sylvie Neeman (Text) und Francesca Ballerini (Illustration): Ein kleiner Junge träumt davon, König zu sein. Die Krone hat er – aber keine Macht. Er ist frustriert, weil es alles schon gibt. Bis er merkt: Indem er Geschichten erfindet, kann er mächtig sein! In diesem Bilderbuch geht es um eine konkrete Kinderwelt, aber auch um philosophische Fragen.
  • «Oceano» von Gionata Bernasconi und Einaudi Ragazzi: Alice und ihr kleiner Bruder Mika treiben ganz allein in einem Rettungsboot auf dem Ozean. Mit Fantasie und mutmachenden Geschichten kämpfen sie ums Überleben. Eine literarische, berührende Erzählung über Resilienz und die Liebe zwischen Geschwistern.

Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.5.2026, 8:06 Uhr

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