Der aufwendig gestaltete Band hat das Potenzial zum Klassiker. Man nimmt ihn immer und immer wieder gerne in die Hände, entdeckt neue Details, taucht ein, lässt die Gedanken schweifen – und wird beflügelt. Ein Band, den man von Generation zu Generation weitergibt. Den man aus dem Regal zieht – egal, ob man 9 oder 90 Jahre alt ist.
In «Schlich ein Puma in den Tag» kann man beobachten, wie Kunst entsteht. Wortkunst und Bildkunst. Und man kann sich inspirieren lassen für das eigene Leben und das eigene künstlerische Schaffen.
«Man könnte sagen, dass das Buch den zarten Sound eines ermutigenden Flüsterns hat. Es ist ein langsames Buch, das einen durch seinen Rhythmus in Bild und Sprache verführt», sagt Adriano Montefusco, Jurymitglied des diesjährigen Kinder- und Jugendbuchpreises. Trotz dieser Langsamkeit und auch der Zartheit der Farben entwickle das Buch eine gewaltige Kraft, der man sich nicht leicht entziehen könne.
Gedichte ergänzen Tierporträts
Das Buch besteht aus fünf Gedichten, die beim Umblättern entstehen. Auf jeder Seite wird eine neue Zeile hinzugefügt. Ermutigende Gedichte, die die Leserschaft animieren, den eigenen Gefühlen zu vertrauen und etwas zu wagen. Jedes Gedicht endet mit einer Pointe, einer Frage oder einer Einladung.
Parallel dazu erscheinen mit der Technik des Wachskreide-Sgraffito fünf Tierporträts: ein Puma, ein Laubfrosch, ein Kugelfisch, ein Leguan und eine Schleiereule.
Die Tiere werden zuerst gezeichnet, mit weisser und anschliessend mit schwarzer Kreide übermalt, um dann selektiv wieder freigekratzt zu werden. Gemälde mit vielen Finessen – so lebensnah, dass man fast erwartet, die Tiere dem Buch entsteigen zu sehen.
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Bild 1 von 7. Hier ist noch alles schwarz übermalt. «Schlich ein Puma in den Tag, regte sich, bewegte sich», heisst es im Gedicht. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 2 von 7. «Schritteleise, pfotenweise» – je mehr vom übermalten Bild freigelegt wird, desto länger wird das Gedicht. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 3 von 7. «Erst ein Auge, dann das zweite» – das Raubtier wird Stück für Stück greifbarer. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 4 von 7. «Weiter, weiter» – und der durchdringende Blick wird fühlbar. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 5 von 7. «Seit' an Seite, mit dem Morgen, der so neu» – das Lernen über Poesie wird im Buch mit einer besonderen Kunsttechnik verknüpft. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 6 von 7. «Schlich ein Puma» – der Gedichtanfang (und Buchtitel) wiederholt sich ... Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
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Bild 7 von 7. ... und gipfelt im Vers «ich ein Puma» – der Puma ist voll da. Von ihm lernt man durch das Buch, aus dem Schatten zu treten. Bildquelle: Verena Pavoni/Lena Raubaum/Franziska Walther/Kunstanstifter.
Auch hier steht die Ermutigung im Vordergrund: Vom Puma lernt man, aus dem Schatten zu treten, vom Frosch, zu springen und vom Leguan, etwas abzustreifen.
Aber man kann auch spielerisch umgehen mit diesem Buch: Es lässt sich sogar rückwärts lesen. So verschwinden die Gedichte langsam, und die Tiere verwandeln sich zurück in ihre Ursprungsversion. Und am Ende findet sich eine Anleitung, wie man ein eigenes Kratzbild oder ein eigenes Gedicht entstehen lassen kann.
Den schwarzen Schleier wegkratzen
Dass das Buch ein Gesamtkunstwerk ist, ist auch seiner aufwendigen Gestaltung geschuldet, zum Beispiel in Bezug auf Farbkomposition und Papierqualität. Erstaunlich: Der Band ist nicht viel grösser als ein A4-Format, wirkt aber mächtiger. Schon das Cover ist magnetisch: Das scharf beobachtende Auge eines Pumas, dessen Körper sich im Dunkeln nur erahnen lässt, lässt einen nicht mehr los.
Apropos Dunkelheit. Für Jurymitglied Adriano Montefusco steckt dahinter eine aktuelle Botschaft: «Wir leben heute in einer Zeit, in der das Dunkle sich immer wieder über unsere Alltagserfahrung schieben will. Und so, wie die Illustratorin die Bilder, die schwarz übermalt werden, immer wieder freikratzt, ist es wohl unsere Aufgabe, den schwarzen Schleier immer wieder wegzukratzen in unserem Leben und die Farbe ans Licht zu bringen.»
«Schlich ein Puma in den Tag» vereint vieles: zeitlose Kunst, ermutigende Literatur und praktische Anleitung. Der Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ist mehr als verdient. Auch, weil das Werk Rüstzeug bietet, das man jedem Kind schenken möchte.